Syngenta in chinesischen Händen? Zu Gefahren und Risiken lesen Sie diesen Artikel

Syngenta in chinesischen Händen? Zu Gefahren und Risiken lesen Sie diesen Artikel

Was bedeutet eine mögliche Übernahme von Syngenta durch ChemChina? Was könnten die Konsequenzen für die weltweite Landwirtschaft und die Agroökologie sein? Bedeutet die Fusion den Durchbruch für genetisch veränderte Nutzpflanzen?

ChemChina, der staatliche chinesische Chemiekonzern mit 1,35 Milliarden Konsumentinnen und Konsumenten im Rücken, ist auf Einkaufstour: Derzeit steht die Basler Syngenta im Angebot. Das letzte Wort zu diesem Handel werden die Aktionäre und die US-Behördenhaben. Der geplante Deal macht zunächst deutlich, wie sehr die globalen Agrochemie-Konzerne im Umbruch sind und wie gross der Druck auf die Rendite ist, die durch das landwirtschaftliche Kerngeschäft kaum noch zu erwirtschaften ist. Nachdem die Übernahme von Syngenta durch Monsanto abgewehrt wurde, wird nun ChemChina als Retter und idealer Partner für Syngenta gepriesen.

Seit Jahren ist im Agrar-Sektor ein Konsolidierungsprozess im Gang, Übernahmen gehö- ren zum Geschäftsmodell. Die sechs weltweit grössten Hersteller von agronomischen Inputs − Pestizide, Saatgut, Dünger − haben in den letzten 20 Jahren über 200 Saatgut- und Pestizidfirmen übernommen. Heute kontrollieren diese sechs Konzerne 75 Prozent der Verkäufe von Dünger und Pestiziden sowie 75 Prozent der privaten Forschungsgelder im Bereich der Agrarwirtschaft.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Was bedeutet diese Übernahme für die Kleinbauern in den Entwicklungsländern? Was heisst sie für die 2500 Arbeitsplätze hierzulande?

Vogel-Strauss-Politik

In der Schweizer Politik und Medienlandschaft scheint Wohlwollen zu herrschen. Den Versprechen der künftigen Besitzer, den Hauptsitz sowie die Arbeitsplätze in der Schweiz zu belassen und sich weiterhin an den selbst verordneten hohen Sozial- und Umweltstandards zu orientieren («Good Growth Plan»), wird nur allzu gerne Glauben geschenkt. Obwohl Syngenta zu den weltweit grössten Saatgut- und Agrochemiekonzernen zählt, werden Auswirkungen auf unsere Lebensmittelproduktion und die globale Landwirtschaft in der Diskussion ausgeblendet. Dabei dürfte die geballte Marktmacht die Abhängigkeit der Bäuerinnen und Bauern besonders in Entwicklungsländern erhöhen und die Wahlfreiheit im Anbau der Produkte bedenklich einschränken.

Mehr Intransparenz

Tatsache ist: Kommt die Übernahme zustande, wird Syngenta de facto verstaatlicht und nicht mehr an der Börse gehandelt. Rechenschaftspflichten gegenüber Aktionären entfallen und über kurz oder lang dürfte sich das neue Unternehmen noch weniger in die Karten gucken lassen. Undurchsichtige strategische Absichten und Entscheide sind die Folge, Syngenta wird zur «Black-box».

Es wird daher noch wichtiger, Syngenta vor Ort auf die Finger zu schauen und die zivilgesellschaftliche Aufsichtsfunktion zu stärken. Doch als chinesischer Staatskonzern ohne Interesse an Gewinnoptimierung wird Syngenta kaum Rücksicht auf Kritik oder die öffentliche Meinung nehmen müssen. Syngenta wird ganz anderen strategischen Interessen dienen können.

Syngenta als geopolitisches Machtinstrument

Soll Syngenta den chinesischen Einfluss in Afrika und Asien stärken und geopolitische Interessen durchsetzen? Ebnet das Unternehmen China den Weg, um – neben den USA – im Landwirtschaftssektor zur Weltmacht aufzusteigen und in dieser Rolle genveränderten Organismen (GVO) zum Durchbruch zu verhelfen? Aus der Basler Managementetage ist zu vernehmen, dass mit Syngenta in chinesischen Händen die Skepsis der 1,35 Milliarden chinesischen Konsumentinnen und Konsumenten gegenüber GVO verschwinden dürfte.

Die Übernahme dient aber auch dazu, dem chemieintensiven, industriellen Landwirtschaftssystem in China und später auch in Indien und Afrika zum forcierten Durchbruch zu verhelfen. Als potente Dreingabe erhält der chinesische Agro-Riese einen bunten Strauss an Patenten für Pflanzen und Tiere. Dass bei dieser neuen Syngenta künftig die Interessen und Bedürfnisse der Kleinbäuerinnen und -bauern sowie der lokalen Zivilgesellschaft gehört und berücksichtigt werden, ist zu bezweifeln. Im Gegenteil: Weitaus wahrscheinlicher ist es, dass Syngenta (wie Monsanto durch die USA) als aggressives geopolitisches Machtinstrument eingesetzt wird.

 

Geht es um Patente und die Kontrolle über die Ernährung?

Mit der Übernahme würde sich ChemChina sämtliche Patente von Syngenta sichern: Patente für Techniken und Pestizide, aber auch für das Eigentum an den Pflanzen, selbst wenn diese konventionell gezüchtet wurden. Was der Agrokonzern in den vergangenen Jahren zusammenkaufen und patentieren liess, ist und bleibt der Allgemeinheit entzogen. Das Europäische Patentamt hat bereits 2400 Patente auf Pflanzen erteilt. 120 Patente allein betreffen konventionell gezüchtete Gemüse wie etwa einen Broccoli, der von wilden Sorten abstammt und keinesfalls erfunden, sondern bestenfalls gefunden wurde. Gegen diese Patentierung wehrt sich SWISSAID zusammen mit der Allianz «No Patents on Seeds» seit langem. Selbst wer die Patentierung von Saatgut und Pflanzensorten gutheisst, sollte die Tatsache beunruhigen, dass die Grundlagen der Ernährung bald vorwiegend in amerikanischer und chinesischer Hand sein dürften. Der Bundesrat, der die Übernahme wohlwollend kommentiert, schenkt aber den Beteuerungen aus China offensichtlich blinden Glauben und hüllt sich zur Patentproblematik weiter in Schweigen. Helfen Sie mit, sich gegen Patente einzusetzen und unterschreiben Sie bis Ende April hier unsere Petition, damit Schweizer Entscheidungsträger Flagge zeigen müssen.