Bio: die beste Überlebensstrategie

Bio: die beste Überlebensstrategie

Derzeit hungern 842 Millionen Männer, Frauen und Kinder, wie der Welthungerbericht diese Woche einmal mehr aufschlüsselte. Die Gründe für diese groteske Fehlverteilung von Lebensmitteln sind vielfältig: politische Fehlentscheide, Umweltzerstörung, Klimawandel, hohe Lebensmittelpreise, um nur die Wichtigsten zu nennen. Und ungeeignete Anbausysteme.

Viele Entscheidungsträger setzen moderne Landwirtschaft mit der industriellen gleich – also mit riesigen Monokulturen, Kunstdünger und teuren Pestiziden. Dies in der irrigen Meinung, dass diese Art der Landwirtschaft besonders effizient sei. Doch weit gefehlt: Die industrielle Landwirtschaft nutzt 70 Prozent der Ressourcen wie Wasser, Land und Erdöl. Sie produziert jedoch bloss 30 Prozent der Lebensmittel. Die Autorinnen und Autoren des Weltagrarberichts stellten bereits vor fünf Jahren fest, dass die Menschheit mit der industriellen Landwirtschaft nicht zu ernähren sein wird. 

Dennoch heisst es immer wieder, Bio sei ein Nischenprodukt, ja ein Luxusphänomen und sowieso bloss in wirtschaftlich prosperierenden Ländern ein Thema.

Wirklich? Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Der eigentliche Bio-Boom findet in Entwicklungsländern statt: 80 Prozent der Biobauern, die mit einem Gütesiegel wie der Knospe zertifiziert sind, leben in Entwicklungsländern. Allein von 2008 auf 2009 nahm die biologisch bewirtschaftete Fläche in Afrika um 20 Prozent auf rund eine Million Hektar zu. Angebaut wird in Asien und Afrika vor allem für den Export nach Europa und Nordamerika.

Um ein Vielfaches grösser sind die Ackerflächen, auf denen Kleinbauern in Entwicklungsländern Hirse, Mais und Süsskartoffeln – ihre Nahrungsmittel – ohne Bio-Zertifikat, aber nach ökologischen Standards anpflanzen. Eine umfassende Studie wies den informellen Biolandbau bereits 2008 allein für Ostafrika auf rund 2 Millionen Hektar nach. Global gesehen spielt diese Öko-Welt eine weitaus grössere Rolle als der zertifizierte Bio-Anbau.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Bei diesen Produzenten handelt es sich nicht um Kleinbauern, die aus Mangel an chemischem Dünger oder Pestiziden gezwungenermassen naturnahe Landwirtschaft betreiben. Diese Bäuerinnen und Bauern haben sich bewusst für Misch- statt Monokulturen entschieden, für ökologische Mittel statt Kunstdünger und Chemiekeule, für die Schonung statt Verschleuderung von Ressourcen. In aller Regel produzieren sie für den lokalen Markt.

Diese Produzenten haben sich für den Biolandbau entschieden, weil er handfeste Vorteile hat: Er bringt Ertrag. Umfassende Studien, die in Afrika die konventionelle Landwirtschaft mit der biologischen verglichen, kamen zu eindrücklichen Ergebnissen. Die Produktivität liess sich um 116% steigern. So erhöhten sich die Maiserträge in Kenia um 71% und die Bohnenerträge um 158%.

Der Biolandbau bringt auch Einkommen: Nach der Umstellung entfallen für die Produzenten die Kosten für Kunstdünger und Pestizide. Daher verdienen die Bauernfamilien mit Bio-Produkten in der Regel auch dann mehr, wenn die Konsumentinnen und Konsumenten für Bio-Tomaten und Öko-Reis nicht tiefer in die Tasche greifen als für industriell hergestellte Lebensmittel. Fazit: In Entwicklungsländern würden die Betriebe mit Biolandbau unter dem Strich besser fahren. 

Doch Bio ist weit mehr als die Aufrechnung von Soll und Haben. Der ökologische Landbau bindet mehr Kohlestoff aus der Atmosphäre in den Boden zurück und trägt so zu einer Minderung des Klimawandels bei. Er sorgt auch für eine höhere Artenvielfalt sowie für fruchtbare Böden. Gesunde Böden können die Feuchtigkeit besser speichern und sind weniger anfällig für Erosion. Die Kleinbauern haben mit den Methoden des Biolandbaus die Gewähr, dass ihre Äcker auch noch ihre Kinder und Kindeskinder ernähren können.

Ist es tatsächlich ein Luxus, wenn die Kleinbauern weltweit unsere Lebensmittel nach biologischen Grundsätzen, mit Sorgfalt und unter gerechten Bedingungen anbauen und dafür einen angemessenen Preis erhalten? SWISSAID meint Nein, im Gegenteil. Angesichts der zahlreichen globalen Krisen – von der Ausbreitung der Wüsten über Klimawandel bis zu Umweltverschmutzung – ist Biolandbau schlicht die beste Überlebensstrategie.

Dieser Text erschien als Gastkommentar von SWISSAID im Tages-Anzeiger vom 19. Oktober 2013