Tagung Agrarforschung: Welche Landwirtschaft ernährt die Welt? Ein Tagungsbericht

Tagung Agrarforschung: Welche Landwirtschaft ernährt die Welt? Ein Tagungsbericht

Das grosse Interesse an der von SWISSAID und dem Centre for Development and Environment am 21. September 2011 organisierten Tagung zur Agrarforschung war eine sehr positive Überraschung. Rund 220 Fachleute, Studierende und Interessierte folgten den sechs wissenschaftlichen Beiträgen aus der Schweiz, Indien, Mali und Frankreich.

Die eingeladenen Wissenschaftlerinnen und Experten beleuchteten aus sehr unterschiedlichen Perspektiven die Frage, welche Landwirtschaft die Welt ernähren kann. Sie sich darin einig, dass die grossen Herausforderungen für die globale Landwirtschaft und Ernährungssicherheit nur mit einem Paradigmenwechseln in der Forschung gemeistert werden können.

Noch mehr politischer Wille gefragt

Dr. Ramanjaneyulu aus Indien, Prof. Samaké aus Mali und Prof. Urs Niggli vom Schweizer FiBL legten überzeugend dar, dass es an Wissen, Erfahrung und praktischen Beispielen nicht mangelt, wie dieser Paradigmenwechsel umgesetzt werden kann. Dass es dazu jedoch noch viel mehr politischen Willen und Durchsetzungskraft braucht als aktuell vorhanden, zeigte die Podiumsdiskussion am Abend. 

Sieben Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Privatsektor und Zivilgesellschaft diskutierten darüber, ob die Schweiz in Bezug auf die internationale Agrarforschung auf dem richtigen Weg ist.

Anything goes?

Für Prof. Nina Buchmann von der ETH Zürich heisst Paradigmenwechsel, alle Optionen offen zu halten und alles verfügbare Wissen und Erfahrung einzubeziehen. Das gilt für das traditionelle oder lokale Wissen der Bauern, aber auch für umstrittene Technologien wie die Gentechnologie.

"Wir dürfen nicht Schwarz-Weiss malen. Wir müssen alles zulassen, von rosarot bis himmelblau. Nicht ein Weg – von der Industrieforschung hin zu kleinbäuerlicher Forschung – ist die Lösung", so Buchmann, "sondern das Sowohl-als-auch". Dem kann sich auch Peter Bieler von der DEZA anschliessen, denn "der Ausschluss einer Technologie ist gefährlich".

DIe Schweiz ist gefordert

Caroline Morel von SWISSAID widersprach diesem "Anything-goes-Ansatz". Sie verstehe den geforderten Paradigmenwechsel als eine deutliche Schwerpunktverschiebung. "Die agrar-ökologische Forschung ist komplett unterfinanziert. Das haben die Beiträge von Urs Niggli und Angelika Hilbeck am Nachmittag deutlich gezeigt. Hier ist auch die Schweiz gefordert, Forschungsgelder neu zu gewichten."

Für Dr. Eva Reinhard, Vize-Direktorin des Bundesamt für Landwirtschaft ist klar, dass die Forschung den Interessen der Bauern und der Bevölkerung zu dienen habe. Dafür setze sich das BLW auch ein.

Vielfalt statt Einfalt

Maya Graf, Nationalrätin der Grünen forderte konkret mehr echte Partizipation: "Wir dürfen die Forschung nicht allein den Hochschulen überlassen, sondern mit den Bäuerinnen und Bauern vor Ort arbeiten. Die Vielfalt in der Landwirtschaft wird verdrängt. Der Wunsch, mit einer Gentech-Sorte die gleiche Patentlösung für alle zu liefern, ist noch immer vorherrschend. Bisher sehe ich diese Ansätze eigentlich nur beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL."

Schon am Nachmittag hatte Gangula Ramajaneyulu kritisiert, dass "die Bauern der Technologie angepasst werden. Die Forschung muss dafür sorgen, dass die Technologie nun den Bauern und ihren Lebens- und Produktionsbedingungen vor Ort angepasst werden. Schwere Traktoren zum Beispiel, die bald so gross wie unsere Felder sind, helfen gar nichts."

Gentechnologie - für oder gegen die Bauern?

Kritisch nahm auch Francis Egger vom Schweizerischen Bauernverband Stellung: "Aktuell bringt die Gentechnologie unserer Landwirtschaft nichts. Es besteht die Gefahr, dass auch die Agrarforschung den Bauern nichts bringt. Wenn nicht auch in Beratung und Bildung investiert wird, wenn die Bauern nicht demokratisch organisiert ihre Interessen vertreten können und wenn sich Landwirtschaft nicht mehr lohnt, dann nützt auch die Forschung nichts mehr."

Während Dominique Zygmont von Syngenta überzeugt ist, dass gentechnisch veränderte Pflanzen ein unverzichtbares "Werkzeug für die Landwirte in Indien" seien und "eine Milliarde US-Dollar Gewinn für die Volkswirtschaft gebracht haben", verweist Caroline Morel auf die schlechten Erfahrungen der indischen Kleinbauern mit Gentech-Baumwolle. Die Zahl der Selbstmorde unter Bauern und Bäuerinnen hat ein dramatisches Ausmass erreicht.

Syngenta kümmert sich – auch – um Kleinbauern

Dr. Ramajaneyulu hatte in seinem Beitrag am Nachmittag berichtet, dass sich jede halbe Stunde Bauer in Indien selbst tötet. Oft ist eine aussichtslose Verschuldung der Bauernfamilien - Resultat der hohen Kosten für Gentech-Saatgut und Chemieprodukte - der Auslöser für diese Verzweiflungstat. Die meisten Selbstmorde finden in den Regionen Indiens statt, die ihre Landwirtschaft mit der Grünen Revolution industrialisiert haben.

Zygmont zeigte sich erstaunt darüber, dass das finanzielle Profitstreben der Landwirtschaft immer wieder kritisiert wurde. "Profit ist nichts Schlimmes. Nur wenn Überschüsse produziert werden, lohnt sich die Landwirtschaft." Syngenta kümmere sich auch um die Kleinbauern, "das sind schliesslich unsere Kunden und bei ihnen liegt das grösste Potential".

 

99 Prozent können sich Agrarchemie nicht leisten

Am Nachmittag hatte Prof. Hurni vom CDE die Zahlen präsentiert: 99 Prozent aller Bauern und Bäuerinnen weltweit sind Kleinproduzenten mit durchschnittlich 1,3 Hektar Land. Sie verfügen jedoch kaum über das notwendige Kapital, um die Agrarchemie und Saatgutprodukte von Syngenta zu kaufen. 

Prof. Samaké aus Mali hingegen betonte, dass Landwirtschaft nicht nur finanzielle Gewinne erzeuge: "Landwirtschaft ist vor allem Kultur. Sie ist von Menschen und für die Menschen gemacht und muss mit der Natur leben." Dass sich die Landwirtschaft wieder mehr als Lebensmittelproduzentin verstehen solle, denn als Rohstoffproduzentin für die industrielle Wertschöpfungskette, hatte auch Dr. Angelika Hilbeck von der ETH in ihrem Beitrag gefordert.

Eine Welt aus Kleinbauern?

Ein Kommentar aus dem Publikum beklagte, dass das grosse Problem des Konsumverhaltens in Industrieländern keinen Eingang in die Diskussion gefunden habe. "Ein Drittel der Lebensmittel werden in Industrieländern weggeworfen. Und in Entwicklungsländern geht gar noch ein grösserer Anteil durch schlechte Lagerhaltung, Schädlingsbefall und andere Gründe verloren. Nachhaltige Lösungen müssen daher auch den Konsum einbeziehen." Dieser Hinweis stellt letztlich auch die vielzitierte Behauptung in Frage, die Agrarproduktion müsse bis 2050 um 70 Prozent gesteigert werden.

Leider blieb für diese wichtige Debatte keine Zeit mehr. Und auch die Frage des Moderators Christop Kellers, wie man sich denn eine globale Landwirtschaft aus lauter Kleinproduzenten konkret vorzustellen habe, blieb unbeantwortet im Raum. Dass jedoch wieder vermehrt auf die lokale und regionale Produktion gesetzt werden müsse, wurde mehrfach betont. "Mali muss letztlich Mali ernähren und nicht die Welt", brachte es Francis Egger auf den Punkt.

Fotos der Tagung finden Sie auf Flickr.

Bilder: UN Photo:Fred Noy/SWISSAID: Eliane Baumgartner