Bauernsaatgut: Unsere Ernährungssouveränität verteidigen – SWISSAID
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Traditionelles Saatgut gegen den Hunger

In nur einem Jahrhundert sind 75 % der angebauten Pflanzensorten verschwunden, geschluckt von einem Weltmarkt, den sich eine Handvoll Multis teilen. Angesichts dieser direkten Bedrohung für unsere Ernährungssicherheit und das Klima leisten bäuerliche Gemeinschaften weltweit Widerstand. Indem sie ihr traditionelles Saatgut trotz immer strengerer Gesetze bewahren, verteidigen sie eine ökologische, widerstandsfähige und souveräne Landwirtschaft. Entdecken Sie diesen überlebenswichtigen Kampf, der von SWISSAID unterstützt wird.

Seit den Anfängen der Landwirtschaft produzieren Menschen ihr eigenes Saatgut: Sie wählen die besten Pflanzen aus, vermehren sie und bauen dieses Saatgut gleich an oder tauschen es mit anderen. So entstand über die Zeit eine immense Vielfalt an Pflanzensorten. Doch dieser jahrtausendalte Kreislauf ist bedroht: Innerhalb der letzten 100 Jahre sind 75% aller Sorten verschwunden.

 

Heute ist über die Hälfte des Weltmarktes in den Händen einer kleinen Zahl von multinationalen Konzernen (Syngenta, Bayer, Corteva, BASF). Mit dem Verlust der Saatgut-Diversität sind grosse Abhängigkeiten entstanden. Bäuerinnen und Bauern weltweit leisten so Widerstand, um unsere Ernährungssouveränität zu schützen.

Die unsichtbare Kraft von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern

Was oft übersehen wird: Kleinbäuerinnen und Kleinbauern auf der ganzen Welt leisten einen essenziellen Beitrag zur globalen Ernährungssicherheit. Laut einer Studie der Organisation ETC Group produzieren sie 70% aller Nahrungsmittel weltweit – und brauchen dabei weniger als 25% der landwirtschaftlichen Ressourcen wie Land, Wasser und fossile Brennstoffe. Damit sind sie deutlich effizienter und umweltfreundlicher als die industrielle Landwirtschaft, die 75% unserer Ressourcen verbraucht, um 30% der Weltbevölkerung zu ernähren.

Klimaresilienz dank lokaler Sorten

Der Erhalt traditioneller Sorten lohnt sich: Sie besitzen nämlich zahlreiche Eigenschaften, das Saatgut aus dem Labor nicht besitzt.

  • Anpassungsfähigkeit: Traditionelles Saatgut kann sich gut an oft schwierige lokale Klimabedingungen anpassen. Sie sind vergleichsweise anspruchslos und resilient gegenüber Krankheiten und Schädlinge.
  • Autonomie: Im Gegensatz zu Hybridsorten oder gentechnisch veränderten Organismen (GVO) benötigt bäuerliches Saatgut keine chemischen Düngemittel oder teure Pestizide, um gute Erträge zu erzielen.
  • Gesundheit: Traditionelles Saatgut, wie beispielsweise Sorghum, bietet eine Vielfalt an Nährstoffen und Aromen an. In der Agrarindustrie, die sich hauptsächlich auf Weizen, Soja, Mais und Reis fokussiert, ist diese Vielfältigkeit verschwunden.

Eine Rechtslage, die Bäuerinnen und Bauern kriminalisiert

Was sich heute ebenfalls verändert hat: Der freie Tausch von Saatgut wird vielerorts durch komplexe gesetzliche Regelungen behindert. Unter dem Vorwand, «Erfindungen» zu schützen hindern Patente und Sortenschutzrechte Bäuerinnen und Bauern daran, ihr eigenes Saatgut zu vermehren. Simon Degelo, Experte bei SWISSAID, weist auf eine gravierende Unstimmigkeit hin: Während die Schweiz auf ihrem eigenen Staatsgebiet liberal bleibt (und die Vermehrung für den Eigenbedarf oft erlaubt), drängt sie über internationale Abkommen (wie «UPOV91») die Länder des Südens dazu, weitaus restriktivere Gesetze zu erlassen.

 

«Es ist besonders schockierend, dass die Schweiz ihre Partnerländer dazu zwingt, die Richtlinien dieses Abkommens strikt anzuwenden, obwohl sie dies selbst nicht tut.»

 

In Ländern wie Kolumbien, Kenia oder Ghana ist das Aufbewahren des eigenen Saatguts somit zu einem Akt des Widerstands geworden, der manchmal an der Grenze zur Legalität liegt. Durch bilaterale Handelsabkommen und nationale Gesetze wird Druck auf die Bauernfamilien in den Ländern des Südens ausgeübt. An vielen Orten dürfen diese nur zertifiziertes Saatgut von internationalen Konzernen wie Corteva, Syngenta und Bayer verwenden. Nutzen sie ihr eigenes Saatgut, drohen ihnen strafrechtliche Konsequenzen.

Das Video wurde von der Schweizer Koalition für das Recht auf Saatgut produziert.

Der Kampf der «Saatguthüterinnen und Saatguthüter»

Viele Bäuerinnen und Bauern finden sich jedoch nicht einfach damit ab, dass ihre traditionellen Sorten verloren gehen. Um ihre Sorten zu bewahren, richten sie sogenannte Saatgutbanken ein. Dort lagern sie Saatgut als Reserve für den Fall eine Missernte, aber auch, um es mit anderen Bäuerinnen und Bauern bei Gelegenheit zu tauschen oder es sogar zu verkaufen.

 

«Die Saatgutbanken ermöglichen es, lokale Pflanzensorten am Leben zu erhalten. Und man entdeckt Sorten wieder, die man für ausgestorben hielt», erklärt Simon Degelo.

 

Saatgutbanken sind zudem ein Ort, an dem sich die Menschen treffen, ihr Wissen über die Sorten austauschen und lernen können, wie man hochwertiges Saatgut produziert.

 

«Bei der Saatgutbewahrung geht es nicht nur um die Samen. Es geht auch darum, unser Land, unsere Wasserquellen und unsere Kultur zu bewahren und unsere Ernährungssouveränität zurückzugewinnen», erklärt Melissa Gómez Gil, Saatguthüterin in Riosucio, Kolumbien.

 

Auch Maricela Gironza, Saatguthüterin in Kolumbien, erklärt, wie wichtig es ist, eigenes Saatgut produzieren, tauschen, verkaufen und anbauen zu können:

 

Die Arbeit von SWISSAID

Um dem wachsenden Einfluss der Agrarindustrie entgegenzuwirken, unterstützt SWISSAID im globalen Süden Projekte, die traditionelles Saatgut erhalten und wieder nutzbar machen. Dazu gehört die Förderung von Netzwerken von gemeinschaftlichen Saatgutbanken, wo Bäuerinnen und Bauern Saatgut ausleihen können. Nach der erfolgreichen Ernte geben sie die gleiche Menge an Saatgut (zuzüglich eines kleinen Überschusses) zurück.

Darüber hinaus setzen wir uns in Europa und im globalen Süden dafür ein, dass Saatgut ein Gemeingut bleibt – frei von Patenten.

 

In der Schweiz engagieren wir uns dafür, dass das Land auf Vorgaben zum Schutz geistigen Eigentums im Bereich Saatgut verzichtet und Partnerländern frei über ihre eigenen Regelungen entscheiden lässt. 

 

Auf internationaler Ebene konnten die Rechte von Bäuerinnen und Bauern bereits in verschiedenen Abkommen und Erklärungen verankert werden. SWISSAID setzt sich dafür ein, dass diese Rechte auch tatsächlich umgesetzt werden.