
Interview
Die Agrarökologie bietet nicht nur Ansätze für eine nachhaltigere und widerstandsfähigere Landwirtschaft, sondern kann dazu beitragen, das Selbstbewusstsein von Bäuerinnen zu stärken und ihren Zugang zu Ressourcen zu verbessern. Doch wie setzen wir dies vor Ort um? Maimouna Bah, Gender-Expertin bei SWISSAID Tschad, gibt einen Einblick in ihren Arbeitsalltag.
Maimouna Bah, Gender-Expertin bei SWISSAID Tschad, arbeitet mit unseren Partnerorganisationen und den Gemeinschaften vor Ort und begleitet SWISSAID-Projekte im Bereich der Gleichstellung.
Ich arbeite mit Frauen zusammen, die im landwirtschaftlichen Sektor Tschads tätig sind. Das sind Bäuerinnen, Händlerinnen oder Viehhalterinnen. Ihre Sorgen sind auf der einen Seite sehr konkret: Wie können Sie ihre Familie ernähren, den Schulbesuch ihrer Kinder sicherstellen oder Notsituationen wie unerwartete Krankheitsfälle bewältigen? Auf der anderen Seite versuchen sie, eine Tätigkeit aufzubauen, die ihnen ein regelmässiges Einkommen ermöglicht. Doch ihr Zugang zu formellen Krediten ist sehr begrenzt und sie haben nur wenige finanzielle Ressourcen, um Hilfsmittel zu kaufen, ein Stück Land zu pachten oder ihre Viehzucht auszubauen.
In den Gebieten, in denen SWISSAID Tschad tätig ist, haben viele Frauen nur begrenzten Zugang zu Land, landwirtschaftlichen Geräten und Saatgut. Einige sind auf die Geräte ihrer Ehemänner angewiesen und können deshalb nicht immer dann pflügen oder andere Arbeiten erledigen, wenn es für sie passend wäre.
Unsere Agrarökologie-Workshops zu Bodenfruchtbarkeit oder lokalem Saatgut ermöglichen es ihnen besser zu kontrollieren, was auf ihren eigenen Feldern geschieht. Eine Bäuerin, die besser über Produktionstechniken informiert ist, kann mehr Entscheidungen darüber treffen, welche Kulturen sie anbaut, wie sie ihr Saatgut verwendet und ihr Feld bewirtschaftet.
Zuletzt fördern wir auch die Weitergabe dieses Wissens. Wenn andere Gemeinschaftsmitglieder sehen, dass sich die Ernte der Frauen verbessert, stärkt das ihre Anerkennung. So sind sie nicht nur Empfängerinnen von Unterstützung, sondern auch Wissensträgerinnen, Produzentinnen und Akteurinnen des Wandels in ihrer Gemeinschaft.
Schulungen finden meist über mehrere Tage statt. Wir definieren zuerst die Ziele und tauschen uns mit den Teilnehmerinnen über ihre bisherigen Praktiken und Herausforderungen aus. Dann folgt ein theoretischer Input, wo wir zum Beispiel über den Klimawandel, die Folgen chemischer Pestizide auf die Umwelt und Gesundheit und agrarökologische Techniken sprechen. Letzteres wird durch praktische Übungen, zum Beispiel zur Herstellung von organischem Dünger, ergänzt.
Diese Aktivitäten finden immer in einer vor Ort gesprochenen Sprache statt, damit möglichst alle Frauen mitmachen können. Nach der Schulung wenden die Teilnehmerinnen die Techniken zu Hause an und geben ihr Wissen an andere Frauen in ihren Dörfern weiter. Haben sie Fragen oder Schwierigkeiten bei der Umsetzung, können sie sich an eine fachliche Begleitperson wenden.
Erhält eine Frau mehr Zugang zu Land oder beteiligt sich stärker an Entscheidungen, kann dies traditionelle Rollenbilder infrage stellen. Gemeinsam mit unseren lokalen Partnern organisieren wir deshalb Dialogveranstaltungen, wo auch die Männer dabei sind. Dort sprechen wir über die Aufteilung der Hausarbeit, die wirtschaftliche Rolle von Frauen, ihr geringer Zugang zu Ressourcen, positive Männlichkeit und geschlechtsspezifische Gewalt. Wir versuchen auch immer die Ergebnisse sichtbar zu machen. Wenn andere Mitglieder der Gemeinschaft die positive Wirkung unserer Zusammenarbeit auf die Kulturen oder Ernten sehen, erleichtert dies die Akzeptanz dieser Praktiken und stärkt die Anerkennung der Kompetenzen der Bäuerinnen.
Wir nutzen zudem Kommunikationskanäle, die in der Bevölkerung beliebt sind, wie zum Beispiel lokale Radiostationen oder Theateraufführungen. So können wir auch Menschen erreichen, die nicht direkt am Projekt teilnehmen und Diskussionen über mitunter sensitive Themen führen.
Eine Bäuerin weiterzubilden oder mit Geräten auszustatten, bedeutet nicht automatisch, dass sie frei darüber entscheiden kann, wie sie ihre Produktion oder ihr Einkommen verwendet. Deshalb betrachten wir eine einzelne Schulung oder eine einmalige materielle Unterstützung nicht als Endziel. Vielmehr versuchen wir, einen Prozess anzustossen, in welchem die Frauen Fähigkeiten erwerben, diese anwenden, ihr Einkommen verbessern und so ihre Selbstständigkeit stärken. Damit dieser Wandel auch über die Länge des Projekts besteht, stützen wir uns auf lokale Frauenorganisationen, die bereits in den Gemeinschaften verankert sind. Einige Organisationen sind nun in der Lage, gemeinschaftliche Initiativen selbst zu finanzieren, darunter Lagerhäuser, Saatgutbanken oder den Schulbesuch von Kindern aus prekären Verhältnissen.
Was zählt, ist nicht die Anzahl Frauen, die an unseren Kursen teilgenommen haben. Entscheidend ist vielmehr, was sie mit dem erworbenen Wissen machen – zum Beispiel, dass sie tatsächlich selbst Kompost herstellen, ihr Wissen weitergeben oder sich aktiver in ihrer Gemeinschaft beteiligen.
Ich habe einmal mit einer Bäuerin aus Doba, Fatimé Élise, gearbeitet. Im Rahmen des Projekts hat sie neue Kompostierungstechniken erworben, schrittweise ihre Produktion verbessert und ihr Einkommen gesteigert. Das Geld sparte sie – und konnte nach drei Jahren schliesslich selbst ein Haus bauen lassen.
Es sind Geschichten wie zum Beispiel jene der Frauen aus Béboro im Süden des Tschads. Ihre Einnahmen aus der Landwirtschaft, Viehzucht und Kleinhandel erlaubten es ihnen nicht nur die Bedürfnisse ihrer Familien zu decken, sondern als Gruppe einen Solidaritätsfonds aufzubauen. Mit dem Geld finanzierten sie im Schuljahr 2025 / 2026 den Schulbesuch von 83 Waisenkindern. Die Initiative wurde nicht von unserem Projekt finanziert oder von uns bestimmt: Sie ging von den Frauen und ihren eigenen Prioritäten aus. Es ist diese Fähigkeit, die Früchte ihrer Arbeit in Solidarität und gemeinschaftliches Handeln zu verwandeln, die mir am meisten Hoffnung gibt.