Interview
Die Stärkung der Rechte, Teilhabe und Kompetenzen von Bäuerinnen ist ein Kernanliegen von SWISSAID. Doch wie sieht das in der Praxis genau aus? Mario Porras, Programmmitarbeiter bei SWISSAID Ecuador, gibt im Interview einen Einblick in seine Arbeit mit indigenen Bäuerinnen in Ecuador und wie sie gemeinsam Veränderungen gestalten.
Mario Porras ist Programmmitarbeiter bei SWISSAID Ecuador und begleitet gemeinsam mit Partnerorganisationen Projekte rund um Agrarökologie und die Stärkung von Bäuerinnen.
Ich arbeite mit indigenen Frauen in den Hochanden Ecuadors zusammen. Die Wasserknappheit ist eine grosse Sorge – als Folge des Klimawandels sowie als ein wiederkehrendes Problem während der Trockenzeit. Wassermangel beeinträchtigt die Wasserversorgung der Haushalte, vor allem aber auch ihre Felder und Weiden. Das hat finanzielle Konsequenzen auf ihr Einkommen.
Vor dem Workshop kommunizieren wir jeweils das Thema und welche Materialien die Bäuerinnen mitnehmen müssen und welche wir bereitstellen. Am Tag selbst gibt es erst einen theoretischen Teil, wo wir das Thema, zum Beispiel «Bodenschutz», besprechen und die Ideen und Erfahrungen der Bäuerinnen sammeln. Danach folgt die Praxis auf dem Feld, wo wir uns über die Vorteile und Nutzen der Methoden austauschen. Schliesslich fassen wir alles zusammen und besprechen die nächsten Schritte. Zum Beispiel machen wir mit den Teilnehmerinnen ab, dass sie das Gelernte weiterhin anwenden und ihr Wissen an andere weitergeben.
Eine der komplexesten Aspekte ist die Koordination der Aktivitäten und die zeitliche Verfügbarkeit der Bäuerinnen. Viele von ihnen haben Verpflichtungen innerhalb ihrer Gemeinschaft, die einen grossen Teil ihres Tages in Anspruch nehmen. Zum Beispiel nehmen manchmal zeitgleich mehrere Bäuerinnen an «Mingas» (eine Form der gemeinschaftlichen Zusammenarbeit) für ein Bewässerungsprojekt teil. Doch ihre Wohn- und Arbeitsorte können weit voneinander liegen. Das heisst, sie gehen früh weg und kehren erst am Abend zurück. Da bleibt kaum Zeit für einen Workshop.
Vertrauen entsteht vor allem durch Ehrlichkeit, Transparenz und die Einhaltung von getroffenen Vereinbarungen. Daher ist es wichtig von der ersten Sitzung an die Ziele, Aktivitäten, angestrebten Ergebnisse und Verantwortlichkeiten klar zu definieren. So können wir die Aktivitäten strukturiert durchführen und wecken keine Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.
Der Umgang mit Skepsis erfordert Geduld und Offenheit. Die Bäuerinnen beginnen zu Vertrauen, wenn sie merken, dass ihre Stimme zählt, ihr Wissen und ihre Erfahrungen anerkannt werden und dass wir Entscheidungen nicht vorgeben, sondern gemeinsam mit ihnen treffen.
Praktiken, die nützlich, zugänglich und für die Teilnehmerinnen wertvoll sind, haben eine grössere Chance, dauerhaft übernommen zu werden. In den Hochanden Ecuadors sind dies zum Beispiel Methoden, die ihnen helfen, besser gegen die Folgen des Klimawandels gewappnet zu sein. Wir fördern zudem den Schutz und die Erhaltung der Páramos – ihre Wasserreservoirs.
Nachhaltige Veränderung beginnt daher schon beim Projektstart, indem wir die Selbstständigkeit, Organisation und Kompetenzen der Gemeinschaft stärken. So können sie auch nach dem Projekt Veränderungen aus eigener Kraft vorantreiben.
Ich habe einmal mit einer Bäuerin, Josefa Cuzco, zusammengearbeitet. Lange Zeit hatte sie Angst, ihre Ideen zu äussern oder sich anderweitig öffentlich einzubringen. Heute spricht sie sicher vor einer grossen Gruppe von Menschen, äussert ihre Meinung und ist in der Gemeinschaftsleitung aktiv an Verhandlungen mit lokalen Behörden beteiligt. Für mich ist diese Veränderung bedeutsam: Sie zeigt, dass sie über unsere Aktivitäten nicht nur ihr Wissen, sondern auch ihre Teilhabe und Führungskompetenzen stärken konnte.
Unsere Aktivitäten erlauben es, Beziehungen aufzubauen, die auf Respekt, Freundschaft und Vertrauen beruhen. Was ich merke: das Lernen findet nicht nur auf der Seite der Teilnehmerinnen statt. Auch wir, die den Prozess begleiten, lernen von ihrem Wissen und ihren Erfahrungen. Zudem sehe ich, wie sich dieses Wissen in konkretes Handeln verwandelt und die Páramos, das Wasser, die Tier- und Pflanzenwelt heute stärker wertgeschätzt werden. Das gibt mir Hoffnung.
Diese Prozesse gemeinsam mit den Gemeinschaften aufgebaut und von ihnen gelernt zu haben, ist für mich eine der grössten Motivationen, mich weiterhin für nachhaltigere Lebensräume und für Gemeinschaften einzusetzen, die ihre eigene Entwicklung selbst gestalten.