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Die Saatguthüterinnen von Turkana, Kenia

Wie funktionieren eigentlich Saatgutbanken? Und welche Rolle spielen sie für die Ernährungssicherheit und Zukunftsperspektiven von Bauernfamilien in Kenia? Ein Gespräch mit Agnes Esinyen, Mary Loya und Cathrine Ebei aus der Region Turkana, Bäuerinnen und Teilnehmerinnen des SWISSAID Projekts «Emergenseed».

Agnes Esinyen, Mary Loya und Catherine Ebei beteiligen sich am Projekt «Emergenseed» in Kenia. Sie leben alle in Turkana, einer der trockensten Regionen Kenias: Nur 200 Millimeter Niederschlag fällt hier pro Jahr (im Vergleich: Kenias Landesdurchschnitt beträgt 680 Millimeter).

Die drei Bäuerinnen sind in lokalen Saatgutbanken tätig und besuchten Schulungen zur Lagerung von Saatgut, zur Agrarökologie und zum Umgang mit untergenutzten Arten (NUS). Im folgenden Interview erläutern sie wie genau Saatgutbanken funktionieren, wie traditionelles, vielfältiges Saatgut die Ernährungssicherheit stärkt und neue Perspektiven für mehr Selbstbestimmung – insbesondere für Frauen – eröffnet.

Im Portrait: Catherine Ebei, Mary Loya und Agnes Esinyen

Catherine Ebei ist verantwortlich für die Saatgut-Qualitätssicherung am Seed Bank in Katilu, Region Turkana, im trockenen Nordwesten Kenias. Als Witwe und Mutter von fünf Kindern engagiert sie sich in der Solidaritätsgruppe Kawalap, die mit dem Seed Savers Network und SWISSAID zusammenarbeitet.

Mary Loya ist Vorsitzende der Saatgutbank Turkwel in der Region Turkana im Nordwesten Kenias – einem der trockensten Gebiete des Landes. Die Saatgutbank mit 30 Mitgliedern ist ein gemeinsames Projekt des Seed Savers Network und SWISSAID. 

Agnes Esinyen ist Vorsitzende der Saatgutbank Kalemnyang in der Region Turkana, Nordwestkenia – einem Bewässerungsgebiet mit über 500 Bauernfamilien. Die Saatgutbank wurde im Juli 2024 eröffnet und entstand mit Unterstützung von Seed Savers Network.

Wann wurde die Saatgutbank eröffnet, und wie viele Mitglieder habt Ihr?

Agnes: Im Juli 2024. Sie ist also noch sehr jung. Bis heute haben rund 35 Mitglieder ihr Saatgut eingelagert. Über die Bank haben wir aber bereits an etwa 300 Bäuerinnen und Bauern Saatgut weitergegeben. Wir hoffen, bald 400 zu erreichen – damit deckten wir fast die gesamte Bewässerungsgemeinschaft mit über 500 Mitgliedern ab.

Wie funktioniert eine Saatgutbank?

Agnes: Jedes Mitglied hat sein eigenes Regalbrett und seine eigenen Flaschen. Hier zum Beispiel sieht man das Saatgut von Lucy Lomolen, dort meines, daneben das eines weiteren Mitglieds. Es ist also persönliches Saatgut. Daneben gibt es Bestände aus unserem Demoplot – die gehören der Saatgutbank gemeinsam.

Mary: Wer Saatgut nimmt, muss die doppelte Menge zurückbringen. Wenn ich also eine Flasche mit fünf Einheiten ausleihe, bringe ich nach der Ernte zehn zurück. So wächst unser Bestand kontinuierlich. Zehn Prozent behalten wir immer als Notreserve – falls eine Ernte schlecht ausfällt oder eine Überschwemmung kommt.

Was sind die wichtigsten Regeln in Ihrer Saatgutbank?

Mary: Wir haben unsere Regeln selbst aufgestellt. Sie betreffen vor allem das Ausleihen, das Sparen und das Table Banking. Wer dreimal eine Versammlung verpasst, bekommt eine Strafe. Und wer dauerhaft inaktiv ist, verliert die Mitgliedschaft. So bleiben wir verbindlich.

Sie haben zusätzlich eine Spar- und Kreditgruppe. Wie funktioniert das im Alltag?

Mary: Wir treffen uns zweimal im Monat, am 15. und am 30., und leisten unsere Beiträge. Wer einen Kredit braucht, kann ihn aufnehmen – zu zehn Prozent Zinsen. Die meisten Frauen verwenden das Geld für Schulgebühren oder für Lebensmittel. Manche starten damit auch ein kleines Geschäft.

Impressionen aus dem Projekt

Wie sah die Situation vor dem Projekt aus?

Catherine: Wir mussten Saatgut kaufen. Wir pflanzten und verloren oft alles, weil der Regen ausblieb. Die Erntemengen waren sehr klein. Dann kam das Seed Savers Network mit dem von SWISSAID unterstützten Projekt nach Katilu – und wir kamen als Gruppe zusammen.

Was hat sich seither verändert?

Catherine: Sehr viel. Wir bekamen Saatgut – wir müssen es nicht mehr kaufen. Wir wurden in Gilgil ausgebildet, in der Saatgutkonservierung, im Anbau, im Gemüsebau. Wir haben gelernt, mit Bäumen zu arbeiten, und wir machen heute Fruchtfolge. Später kam noch die Solaranlage dazu – die hat den Durchbruch gebracht. Erst seither sehen wir wirklich gute Fortschritte.

Mary: Die Saatgutbank hat unserer Gemeinschaft viel gebracht. Vor allem ist der Zugang zu Saatgut während der Pflanzsaison heute viel einfacher. Wir kommen vorbei, holen uns das Saatgut – und können sofort aussäen.

Wie hat sich die Ernährung Ihrer Familien verändert?

Catherine: Vor dem Projekt waren die Erträge so klein, dass wir kaum genug zu essen hatten. Heute essen wir viel vielfältiger – verschiedenes Gemüse, Hülsenfrüchte wie Green Grams, unterschiedliche Nährstoffe. Diese Vielfalt verbessert unsere Gesundheit spürbar.

Mary: Früher haben wir in der Turkana-Region fast ausschliesslich Sorghum angebaut – nur diese eine Sorte. Heute diversifizieren wir: Wir pflanzen verschiedene Gemüsesorten und Getreide. Die Erträge sind gestiegen, und die Mangelernährung in unseren Familien hat deutlich abgenommen. Das ist die wichtigste Veränderung.

Vor der Saatgutbank haben Sie uns einen kleinen Garten gezeigt – einen «Multi-Story-Garten». Was hat es damit auf sich?

Agnes: Den nutze ich vor allem zur Ausbildung. Hier zeige ich anderen, wie man auch auf wenig Fläche im eigenen Hof Gemüse anbauen kann. Es geht darum, einheimische Sorten zu pflanzen – Saga (das Spinnenkraut), Kuhbohnen, Spinat, Amarant und Kale. Indigene Sorten sind gut für die Gesundheit.

Was ist der Vorteil dieses Gartens, gerade jetzt während der Trockenheit?

Agnes: Genau jetzt entsanden wir den Bewässerungskanal. Wasser ist deshalb knapp. Aber für diesen Garten genügen alle drei bis vier Tage rund 20 Liter Wasser. So eine kompakte Anlage lässt sich auch ohne viel Wasser bewirtschaften.

Setzen Sie chemische Pflanzenschutzmittel ein?

Catherine: Nein, gar keine. Wir stellen unsere Bio-Pestizide selbst her, aus lokal verfügbaren Materialien: Holzasche, Aloe vera, Neem und weitere Pflanzen. Damit kommen wir gut zurecht.

Bilder: Christian Heuss / SWISSAID