Neben den menschlichen Tragödien, die durch die russische Invasion in die Ukraine verursacht werden, hat diese auch Auswirkungen auf die globale Lebensmittelversorgung. Russland und die Ukraine gelten nicht nur als «Kornkammern» Europas, sie sind auch die Hauptlieferanten von Weizen für viele afrikanische Länder. Die beiden Länder decken rund 30 Prozent des weltweiten Bedarfs ab. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWV) machen die Importe etwa 85 % der Versorgung Afrikas südlich der Sahara aus. Die 45 am wenigsten entwickelten Länder der Welt importieren mindestens ein Drittel ihres Weizens aus der Ukraine oder Russland, sie alle werden nach der Ukraine am meisten unter diesem Krieg leiden.

Die Effekte und Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die weltweite Ernährungssicherung können Experten zufolge weitreichend sein. So warnte Antonio Guterres, UN-Generalsekretär, schon früh vor einem «Zusammenbruch der Weltwirtschaft, der eine Hungerkrise hervorruft, die die Ärmsten am härtesten trifft.»

So sprechen die Vereinten Nationen von einem «Wirbelsturm des Hungers», der laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Osteuropa weitere 8 bis 13 Millionen Menschen in den Hunger stürzen könnte.

Besorgniserregende Preisanstiege

Die geernteten Mengen und Exporte aus der Ukraine beeinflussen die Preise weltweit. Der seit dem russischen Angriff beobachtete Preisanstieg ist besorgniserregend. Der globale Weizenpreis ist um rund ein Drittel gestiegen, im Vergleich zum Vorjahr gar um 60 Prozent. Dauert der Krieg an, droht eine weitere Erhöhung, etwa weil auf Feldern in der Ukraine nicht ausgesät werden kann, was zu schweren Versorgungsengpässen führt. Auch die Preise für Milchprodukte und Speiseöle befinden sich auf Rekordniveau. Auch die Kosten für Treibstoff und schiessen in die Höhe und verteuern die transportierten Lebensmittel weiter.

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Grosse Unsicherheit in vielen afrikanischen Ländern

Der Krieg betrifft vor allem viele afrikanische Länder, auch Partnerländer von SWISSAID. Sie sind jetzt noch stärker vom Hunger bedroht. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir in den kommenden Wochen einen Preisanstieg beim Brot erleben werden, da das Mehl importiert wird», erklärt Clément Jous von SWISSAID im Tschad. Im Tschad war die letzte Ernte schlecht und die Erhöhung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Preise bereits höher als üblich sind. Im Tschad sind die Lebensmittelpreise bereits vor dem Krieg in der Ukraine angestiegen. Das liegt an der schlechten Ernte, die auch die Qualität und Menge des Saatguts beeinträchtigt hat.

Selbst in Ländern, in denen die Menschen weniger von Weizen abhängig sind, steigen die Preise von Grundnahrungsmitteln, weil Rohstoffe teurer geworden sind. SWISSAID-Programmverantwortlicher für Tansania, Rainard Mjunguli, berichtet: «Wir sind mit einem deutlichen Anstieg der Öl- und Benzinpreise konfrontiert, was sich auf die Transportkosten für verschiedene Produkte wie Speiseöl oder Reis auswirkt. Auch die Bustickets sind erheblich teurer geworden.»

Küche in Tschad mit leeren Töpfe und bedeckten Tellern

Jalò Cherno Talato, Programmverantwortlicher SWISSAID Guinea-Bissau

«Wir machen uns Sorgen. In einem Krieg leiden die armen Länder immer am meisten, weil sie stark von Importen abhängig sind. Guinea-Bissau wird besonders betroffen sein, denn es existiert praktisch keine Wertschöpfungskette, da der verarbeitende Sektor gänzlich fehlt. Guinea- Bissau importiert Milchprodukte, Hygieneartikel und Getreide. Der Anstieg der Treibstoffpreise wird die Situation weiter verschärfen, da er sich auf die Preise für Transport, Energie usw. auswirken wird. Die Preise von Zucker, Speiseöl und Brot sind um mindestens 30 Prozent, die von Seife und Milch um 40 Prozent gestiegen. Andere Produkte sind nicht erhältlich, Mehl zum Beispiel ist ausverkauft. Meiner Meinung nach müssen wir die nationale Produktion erhöhen und die Verarbeitung sowie Aufwertung der lokalen Produkte fördern.»

Besonders betroffen: Niger bereits durch das Klima geschwächt

In Niger war die Lage schon lange vor Kriegsbeginn besorgniserregend. Die Ernährungssituation verschlechtert sich zusehends. Denn die Bevölkerung leidet bereits stark unter langanhaltenden Dürren und klimabedingten Extremwetterereignissen. Die Bäuerinnen und Bauern haben keine Ernte, die sie einlagern können. Erst Starkregen im Juli, dann Dürre ab August haben das kostbare Essen zerstört. Ende des letzten Jahres, dann wenn die Getreidespeicher eigentlich mit Reis, Hirse und Bohnen gut gefüllt sein sollten, waren sie fast leer. 2,3 Millionen sind akut von Hunger bedroht, weshalb SWISSAID Ende Dezember 2021 ein Nothilfeprogramm lancierte. Der Krieg in der Ukraine verschärft die Situation noch einmal drastisch. Die bereits hohen Preise auf den Märkten scheinen weiter zu steigen.

Issoufou Abdou Djibo, Programmverantwortlicher SWISSAID Niger

«Im Niger war die Situation bereits lange vor Beginn des Krieges sehr schwierig, denn die Winterernte war katastrophal. Aktuell sind mehr als 2,3 Millionen Menschen sind von Hunger bedroht. Viele Produkte sind bereits teurer geworden. Die Preise für Brot und Weizen sind bereits vor einigen Wochen von 200 auf 250 CFA angestiegen. Der Krieg hat die Situation verschärft und wirkt sich besonders auf den Weizen aus, weshalb arme Haushalte sich kaum mehr Brot leisten können. Auch andere Getreidesorten wurden teurer. Ein Sack Hirse kostet im Vergleich zum Vorjahr 31’000 statt 24’000 CFA, Mais kostet neu 29’000 statt 21’000 CFA und Sorghum 27’000 statt 21’000 CFA.»

Der Krieg & der Hunger

Mit Ihrer Hilfe können wir lokale landwirtschaftliche Produktionsketten fördern und lokale Saatgutsystem stärken, um die Bäuerinnen und Bauern unabhängiger von zugekauftem Saatgut und externen Faktoren wie Kriegen und Klima zu machen. Ihre Spende macht Sinn!

Unser Hebel: Agrarökologie und Stärkung lokaler Ernährungssysteme

Starke Abhängigkeiten von Ländern können problematisch sein. Dies zeigt sich am Beispiel des Krieges in der Ukraine, der sich nicht nur auf die beiden betroffenen Gebiete auswirkt, sondern auch auf den Rest der Welt übergreift. Die globalen Ernährungssysteme sind eng miteinander verflochten und reagieren schnell auf Marktveränderungen.

«Um Abhängigkeiten von importierten Nahrungsmitteln zu verringern und die Weltbevölkerung längerfristig zu ernähren, ist es zwingend notwendig unsere Ernährungssysteme nachhaltig zu ändern», so Sarah Mader, Themenverantwortliche Agrarökologie bei SWISSAID.

Die Lösung ist der Ansatz der Agrarökologie, die eine ökologische und sozial verträgliche Landwirtschaft fordert. SWISSAID setzt in ihrer Arbeit in den Ländern seit Jahrzehnten darauf: lokale landwirtschaftliche Produktionsketten fördern, das Wissen der Bäuerinnen und Bauern, insbesondere über Saatgut, aufwerten und die Agrarökologie implementieren. Der vielschichtige Ansatz der Agrarökologie basiert auf natürlichen Kreisläufen, schont die Ressourcen und verringert die Abhängigkeit von externen Faktoren. Zudem stärkt diese Anbauweise den Boden – und schützt so vor Stürmen, Starkregen oder Dürrezeiten.

Der Krieg in der Ukraine und seine lebensbedrohlichen Auswirkungen auf die Ernährungssituation weltweit zeigt einmal mehr, dass in unserer globalisierten Welt eine unabhängigere und lokalere Versorgung vor allem bei Grundnahrungsmitteln die Lösung im Kampf gegen den Hunger ist. Für eine krisenresistente und nachhaltige Ernährung für alle!

 

Quellen:

The importance of Ukraine and the Russian Federation for global agricultural markets and the risks associated with the current conflict (fao.org)  

Ukraine war: More countries will ‘feel the burn’ as food and energy price rises fuel hunger, warns WFP | World Food Programme 

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