She feeds, she leads, we support
Im Porträt: Emilce Reyes, Kleinbäuerin aus Kolumbien. Beim Besuch auf ihrem Hof erzählt sie, wie sie von der Landwirtschaft in den Hochanden lebt – und sich für Frauenrechte einsetzt.
«Schaut mal her: Das sind Mulato-Chilischoten. Die schmecken ein wenig wie Schokolade. Dort drüben keimen gerade Katzenkrallen, die für ihre heilende Wirkung bekannt sind. Und hier ziehen wir Cucharo-Setzlinge heran. Sie spielen für die hiesigen Páramos-Ökosysteme eine wichtige Rolle, denn sie können auch in über 3000 Meter Höhe und in sehr nährstoffarmen Böden überleben. Cucharo-Bäume tragen sogar dazu bei, dass diese sich wieder erholen.
Über Jahrzehnte sind die Landwirtschaft und Viehzucht hier immer intensiver geworden. Viele Böden sind seither ausgelaugt und Wasserquellen verschmutzt oder ausgetrocknet. Unsere einst üppige Landschaft sieht nun sehr kahl aus, finde ich. Gleichzeitig spüren wir die Folgen des Klimawandels immer stärker – wie zum Beispiel längere Dürren oder unverlässliche Regenzeiten.
Das hat Folgen für unseren Alltag und unsere Lebensgrundlagen. Deshalb pflanzen wir einheimische Baumarten wie Cucharo und tragen dem Land mit nachhaltigen Methoden Sorge. Als Bäuerin ernte ich natürlich gerne. Aber ich trage auch mit Freude dazu bei, die Böden zu erhalten und die Landschaft wieder zu stärken – nicht nur für uns hier, sondern auch für den Planeten.»
«Momentan mache ich eine Ausbildung in bäuerlichem und öffentlichem Recht an der staatlichen Berufsschule. Ich finde es wichtig, mich für unsere Rechte, insbesondere die von uns Bäuerinnen, einzusetzen. Im Projekt von SWISSAID nehme ich an Schulungen teil und tausche mich mit anderen aus, um zu lernen, wie ich unsere Interessen besser vertreten und unsere Mitsprache in lokalen Entscheidungsprozessen stärken kann.
Es ist nicht einfach in Kolumbien Bäuerin zu sein. Das, was wir verdienen, steht in keinem Verhältnis zu unserer Arbeit. Und es wird immer schwieriger. Der Klimawandel zerstört unsere Ernten immer häufiger. Was bleibt, müssen wir sie zu sehr tiefen Preisen und über renditegetriebene Zwischenhändler verkaufen.
Ich wünsche mir, dass wir in den Hochanden einen besseren Zugang zu den Märkten und zu fairen Preisen haben. Dass unsere Strassen repariert werden und wir unsere Produkte – jetzt, mitten im 21. Jahrhundert – nicht tagelang mit Maultieren transportieren müssen.»
Die hochandinen Páramos, eine einzigartige Mischung aus Hochmoor und Hochlandsteppe, bedecken nur rund 2% der Landesfläche von Kolumbien – sichern jedoch über 70% der Wasserversorgung des Landes. Intensive Landwirtschaft und Viehzucht setzen das empfindliche Ökosystem zunehmend unter Druck. Viele Kleinbäuer:innen setzen deshalb auf agrarökologische Anbaumethoden, die Boden und Wasserquellen schonen.
Kolumbien gehört zu den Ländern mit der stärksten Konzentration von Landbesitz weltweit. Jahrzehntelange Konflikte haben Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern von ihrem Land vertrieben; bis heute befindet sich der Grossteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche in den Händen weniger Betriebe. Besonders betroffen sind Bäuerinnen: Nur 26% besitzen das Land, das sie bewirtschaften.
Rund jede vierte Frau auf dem Land gehört einer ethnischen Minderheit an. Als Frauen und Angehörige ethnischer Gemeinschaften haben viele von ihnen erschwerten Zugang zu Land, Bildung, Krediten und politischer Mitsprache. Gleichzeitig spielen sie eine zentrale Rolle für die Landwirtschaft, die Ernährungssicherheit und den Erhalt traditionellen Wissens.
«Um die Ernährungssicherheit in der Region zu verbessern, müssen wir Frauen stärker einbeziehen, sie zu Gesprächen einladen und an den Entwicklungsplänen der Gemeinden teilnehmen lassen. Frauen spielen in meinen Augen eine zentrale Rolle in der Landwirtschaft: Sie entscheiden, wovon sich die Familie ernährt, wie der Gemüsegarten angelegt und wie die Tiere gehalten werden, damit jeden Tag Frühstück, Mittagessen und Abendessen auf dem Tisch steht.
Eine Landwirtschaft ohne Frauen? Das kann ich mir nicht vorstellen.Ich zumindest bin sehr stolz darauf, eine Bäuerin aus Boyacá zu sein – eine hart arbeitende Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, sich dem rauen Wind entgegenstellt und ihren eigenen Weg geht. Für mich und für meine ganze Familie.»
Name: Emilce Reyes
Alter: 48
Wohnort: El Monte, Boyacá, Kolumbien
«Wir Frauen auf dem Land sind stark marginalisiert. Ich wünsche mir daher, dass wir Bäuerinnen stärker berücksichtigt werden und mehr Projekte für Frauen auf dem Land umgesetzt werden.»