Jetzt spenden
Jetzt spenden

Agrarökologie lohnt sich!

Erfreuliche Nachrichten: Die Ernährungslage hat sich in den meisten Projekten, die von der Allianz Sufosec – der auch SWISSAID angehört – begleitet werden, deutlich verbessert. Der neue Ernährungsbericht 2026 zeigt auf: In 16 Projekten ist die moderate und schwere Ernährungsunsicherheit in den letzten fünf Jahren um 20% gesunken.

Globaler Hunger: nicht verschwunden, aber gesunken

SWISSAID setzt sich gemeinsam mit den weiteren Mitgliedern der Allianz Sufosec und ihren lokalen Partnerorganisationen für eine gerechtere Welt ohne Hunger ein. Wirkt aber unser Ansatz? Dem geht die Studie im globalen Ernährungsbericht 2026 basierend auf Daten von 12’366 Haushalten aus 16 Ländern in Afrika, Lateinamerika und Asien nach.

Was ist der Sufosec Ernährungsbericht?

Der Ernährungsbericht der Allianz Sufosec erscheint alle zwei Jahre und gibt einen Überblick zum Stand der Ernährungssicherheit in den Projektländern der Allianzpartner. Den Kern bilden dabei die Resultate der Haushaltsstudie. Seit 2021 erheben wir jährlich zum Ende der Trockenzeit mit den gleichen kulturell und sprachlich angepassten Befragungsinstrumenten die Ernährungslage tausender Bauernfamilien. Damit stellen wir sicher, dass wir über Jahre hinweg ein repräsentatives und verlässliches Bild haben, um die Wirkung unserer Arbeit zu messen.

Eines ist klar: Hunger lässt sich nicht über Nacht beseitigen. Auch 2025 hatten in einer typischen Region 44 % der Haushalte nicht immer genug zu essen, und 6 % mussten zeitweise sogar ganze Tage ohne Essen auskommen (im Median).

Beobachtet man die Lage über mehrere Jahre hinweg, zeigt sich aber ein erfreuliches Bild: Der Hunger nimmt ab! Konkret ist die Ernährungsunsicherheit in den letzten 5 Jahren in den untersuchten Projekten um 20% gesunken. Im Vergleich zu der ersten Erhebung im Jahr 2021 sind es statt sechs heute nur noch vier von zehn Haushalten, die nicht genug zu essen haben. Die Zahl der Haushalte, die akuten Hunger erfahren mussten, hat sich sogar von 22% auf 11% halbiert.

Diese Zahlen sind ermutigend. Und die erzielten Fortschritte sind umso bedeutender, als Hunger nach wie vor eine der grössten globalen Herausforderungen darstellt: 2025 litten rund 645 Millionen Menschen an Hunger, während sich 2,69 Milliarden Menschen keine abwechslungsreiche Ernährung leisten konnten.

Hinter den Zahlen stecken aber auch regionale Unterschiede. In Regionen wie Logone Oriental im Tschad, wohin viele aus der benachbarten zentralafrikanischen Republik geflüchtet sind, ist der Hunger angestiegen. Unter solchen Umständen sind nachhaltige Verbesserungen schwierig.

 

Ausserdem sind in der heutigen Zeit viele Bauernfamilien mit Wetterextremen wie Starkregen oder Hitzewellen konfrontiert, die ihre Ernten vernichten, oder von Konflikte betroffen, die wichtige Handelswege beeinträchtigen.

Umso wichtiger ist die Frage: Was trägt dort, wo sich die Situation verbessert hat, zu mehr Ernährungssicherheit bei und macht Ernährungssysteme widerstandsfähiger gegenüber Krisen? Die Ergebnisse zeigen: Ein Schlüsselfaktor ist die Agrarökologie. 

Genug zu essen für mehr Familien

Die Agrarökologie ist ein nachhaltiger landwirtschaftlicher Ansatz, der unter anderem lokal angepasstes Saatgut, Biodiversität und organische Dünger und Pestizide priorisiert. Was sich nun zeigt: Je mehr agrarökologische Praktiken ein Haushalt anwendet, desto mehr haben die Familien zu essen. Mit jeder zusätzlichen benutzten Methode sinkt die Chance, Hunger zu leiden, um 3%. Praktiken wie zum Beispiel Fruchtfolge, Mischanbau oder eine diverse Auswahl an Kulturpflanzen ergänzen sich gut und können zusammen den Ertrag und die Widerstandsfähigkeit eines Betriebs erhöhen.

Dank der Agrarökologie ist die Ernährungsunsicherheit in SWISSAID Projekten stark gesunken, wie zum Beispiel in Fabidji im Niger (-55%) oder in Lindi und Mtwara in Tansania (-32%). Welche Aktivitäten wurden in den Projekten durchgeführt? Erfahren Sie mehr: 

Gemeinsam mehr erreichen

Die Agrarökologie umfasst aber weit mehr als Praktiken auf dem Feld. Neben dem Feld fördert sie die Vernetzung und lokale Partizipation der Bäuerinnen und Bauern, damit sie sich austauschen und voneinander lernen können. 2025 wurde diese soziale Dimension zum ersten Mal in die Studie aufgenommen. Die Ergebnisse sind eindrücklich: Wer mit anderen kooperiert, zum Beispiel um eine Saatgutbank zu betreiben, ist seltener von Hunger betroffen. Mit jeder Form der Zusammenarbeit sinkt die Chance von Ernährungsunsicherheit betroffen zu sein um rund 15%, diejenige für akuten Hunger um rund 9%. 

Entscheidend für die Lebensumstände der Bauernfamilie ist aber die Kombination. Haushalte, die Agrarökologie sowohl auf als auch neben dem Feld praktizieren, sind besser gegen den Hunger gewappnet: In einem Dorf, wo divers angebaut wird und Menschen sich in Gruppen engagieren, fänden sich ein Viertel mehr Familien mit genügend Essensvorräten als in einem Dorf, in dem nur etwas von beidem getan wird. Mit der Agrarökologie können so Haushalte widerstandsfähiger werden, wenn schwankende Preise, Konflikte oder Wetterextreme ihre Ernährung gefährden.

«Auf meinen Feldern baue ich verschiedene Hirsearten, Ölsaaten und Hülsenfrüchte an, nach dem Prinzip des Akkadi Saalu, einer traditionellen südindischen Mischkultur. Diese Vielfalt verbessert die Bodengesundheit und sichert die Ernährung meiner Familie. Als Bäuerin bin ich gleichzeitig Unter-nehmerin, Lernende und Beschützerin der Natur.»

Bibi Jan, Bäuerin und Kleinunternehmerin, Indien

So messen wir Ernährungssicherheit

FIES («Food Insecurity Experience Scale»): Mit acht von der FAO validierten Fragen wird erhoben, ob einem Haushalt im Jahr zuvor Geld oder Vorräte für ausreichendes Essen fehlten. 

 

Agrarökologie-Score: Mit 22 agrarökologischen Praktiken in fünf Dimensionen – Biodiversität, Bodengesundheit, Agrarmittelreduktion, Integration von Pflanzenbau und Tierhaltung sowie soziale Kooperation – wird dokumentiert, welche Methoden die Bäuerinnen und Bauern anwenden. Jede Methode erhält zwei bis drei Punkte, max. können 60 Punkte erreicht werden. Vielfältig ist der Anbau dann, wenn Praktiken aus mindestens vier der fünf Dimensionen angewendet und mindestens 30 Punkte erreicht werden.

 

MDD-W («Minimum Dietary Diversity for Women»): Je nach Region werden verschiedene lokale Lebensmittel in zehn Kategorien (z.B. Blattgemüse, Nüsse, Getreide etc.) gruppiert. Ermittelt wird, wie divers eine Bäuerin in den vergangenen 24 Stunden gegessen hat. Als vielfältig gilt, wer Lebensmittel aus mindestens fünf von zehn Kategorien konsumiert hat.

Agrarökologie fängt bei den Bäuerinnen an

Agrarökologische Praktiken allein sind kein Garant für Ernährungssicherheit. Ein wichtiger Treiber sind die Menschen, die sie täglich praktizieren. Vieles – von der Herstellung von Kompost bis zur Pflege der Pflanzen – ist vielerorts Handarbeit, die von Frauen erledigt wird. Bäuerinnen im Globalen Süden wissen seit Generationen, welches Saatgut besonders widerstandsfähig ist oder welche Pflanzen sich auch als Heilmittel eignen. Kurz gesagt: Eine agrarökologische Wende ohne Frauen ist kaum vorstellbar.

Doch auf ihnen lastet grosse Verantwortung: Nicht nur sind sie für die Ernährung ihrer Familie zuständig, oft müssen sie auch noch Wasser holen und sich um Ältere und Kinder kümmern. Der Erfolg von Agrarökologie hängt daher auch davon ab, wie Geschlechterrollen sich verändern und wie Frauen dabei gestärkt werden. Die Projekte von SWISSAID und der Allianz Sufosec arbeiten daher stets mit den Frauen und Männer einer Gemeinschaft zusammen, um die Frauen zu entlasten und ihre Mitbestimmung zu stärken.

«Insbesondere für Frauen im reproduktiven Alter ist eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen wie Eisen, Zink und Folat von zentraler Bedeutung, da ihr Bedarf durch Menstruation, Schwangerschaft und Stillzeit erhöht ist. Folglich ist es entscheidend, ihr Risiko für Mangelernährung trotz schwieriger Bedingungen weltweit zu senken.»

Lukas Reinhard, Themenverantwortlicher Monitoring + Evaluation

Aber wie steht es um die Ernährung der Ernährerinnen selbst? In der Hälfte aller untersuchten Regionen erreichen mindestens 69% der Frauen den Mindeststandard für Ernährungsvielfalt. Besonders hoch sind die Werte in Südamerika (88%) oder Süd- und Südostasien (87%). Das bedeutet: Sie konsumieren Lebensmittel aus mindestens fünf von zehn Lebensmittelgruppen. Ein Ergebnis, das angesichts der Herausforderungen, denen sie täglich begegnen, Hoffnung macht. Wiederum ist der soziale Zusammenhalt wichtig: Dort wo Frauen sich organisieren und über ihre Ernährung austauschen können, zum Beispiel in Frauennetzwerken, ist ihre Ernährung vielfältiger. 

Interessiert an mehr?

Hier finden Sie eine Übersicht über alle Ernährungsberichte.

Kontakt

Lukas Reinhard

Themenverantwortlicher Monitoring + Evaluation

l.reinhard@swissaid.ch