Ankämpfen gegen häusliche Gewalt in Indien: „Meine Schwiegertochter hat es geschafft, dass ich sie nicht mehr verprügle“

Häusliche Gewalt gegen Frauen ist in Indien quer durch alle Schichten verbreitet – und der Staat tut wenig dagegen. SWISSAID unterstützt eine engagierte Organisation, die den misshandelten Frauen hilft und die Männer ins Gebet nimmt, bevor diese gewalttätig werden.

Von wegen trautes Heim: Über ein Drittel aller indischen Frauen hat in den eigenen vier Wänden schon einmal Gewalt erlebt. Nicht der „böse Unbekannte“ ist der Übeltäter, sondern der eigene Mann, Vater oder Schwiegervater. Die Frauen im Haus durch Gewalt gefügig zu machen, gilt in Indien quer durch alle Schichten als so normal, dass es kaum auffällt. Weniger verletzend, entwürdigend und brutal wird die Gewalt dadurch nicht. Auch legal ist sie nicht. Bis der Staat die Frauen schützen und die Gewalt tatsächlich ahnden wird, ist es jedoch noch ein weiter Weg. 

Der Wille ist da, aber…

Um die patriarchalen Verhältnisse zu ändern, die die Gewalt an Frauen begünstigen, braucht es einen langen Atem, viel Aufklärungsarbeit, Wille – und die Hoffnung auf „zündende Momente“ wie diesen: „Früher war es für mich normal, meine Schwiegertochter zu schlagen. Seit sie in das Frauenkomitee geht, kennt sie ihre Rechte und wehrt sich. Das hat mir die Augen geöffnet. Meine Schwiegertochter hat es geschafft, dass ich sie nicht mehr verprügle.“ Der das erzählt, ist nicht irgendeiner, sondern ein älterer Mann mit weissem Bart, zu dem die Männer in der Gemeindeverwaltung achtungsvoll aufblicken. Es ist Shankar Pandurang Patil, der Dorfvorsteher von Wadagaon, einem kleinen Dorf im Distrikt Osmanabad im Bundesstaat Maharashtra, der mit seiner Geschichte in seiner Gemeinde mit gutem Beispiel vorangeht.

Dein, mein, unser Haus

Die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen ist im Wandel. Viel erreicht werden konnte beispielsweise bei der gemeinschaftlichen Registrierung des Landbesitzes durch Ehepaare. „Der Bürgermeister hat uns ganz stolz die Grundbücher vorgelegt. Auf jedem Grundbuchblatt stehen zwei Namen“, berichtet SWISSAID-Mitarbeiterin Sigrid Burri von ihrem Besuch in der Gemeinde. Sie freut sich: „Die Frauen sind damit vollständig am Landbesitz beteiligt! Der Wille zur Veränderung in diesem Dorf ist enorm.“ Auch die langjährige Aufklärungsarbeit der SWISSAID-Partnerorganisation dürfte zu diesem neuen Geist beigetragen haben.

Das Gespräch suchen, bevor die Gewalt Einzug hält

Seit 1992 kümmert sich die Halo Medical Foundation (HMF) in der Gegend von Osmanabad um die Frauen und ihre seelischen und körperlichen Wunden. Sie bietet Beratung und arbeitet eng mit verschiedenen Selbsthilfegruppen zusammen, in denen sich die Frauen ihren Kummer von der Seele reden können, Aufklärung über Frauenrechte erhalten und gewalttätige Männer ihr Verhalten hinterfragen. Die Gruppen werden geleitet von so genannten Animatorinnen und Animatoren: Durch HMF geschulte Laien, die sich durch besonderes Engagement hervorgetan haben und die das Vertrauen der Bevölkerung geniessen. Sigrid Burri: „Einige Animatoren wenden sich gezielt an unverheiratete Männer. Diese sollen für das Thema häusliche Gewalt sensibilisiert werden, bevor sie vielleicht selber zum ersten Mal die Hand gegen ihre Frau erheben.“ 

Den Staat in die Pflicht nehmen

HMF ermutigt die Frauen, ihre Rechte geltend zu machen und unterstützt sie bei ihrem Gang zu Polizei oder Gerichten. Streitschlichtungskomitees, die der Polizei unterstehen, Kurse für die Vorsteher der Selbsthilfegruppen und die Sensibilisierung und Zusammenarbeit mit lokalen Beamten sind weitere Pfeiler. Hinter der ganzen Aufklärungsarbeit steht die Hoffnung, dass sich der Staat möglichst bald um diese Aufgaben kümmert und häusliche Gewalt in der indischen Gesellschaft nicht länger stillschweigend akzeptiert wird.

Projektcode: IN 02/13/17

Projektdauer: 2016

Projektkosten: 87‘025 Franken

Anzahl Begünstigte: 2020 direkt begünstigte Frauen und Männer