Agrotreibstoffe führen zu Hunger

Agrotreibstoffe verschärfen den Hunger. Auf den Äckern, auf denen früher Mais, Bohnen und Bananen wuchsen, stehen nun Palmöl- und Jatrophaplantagen. Doch dies lässt sich nicht essen.

Die Welt erlebt eine neue Ära des Hungers: Seit der Nahrungsmittelkrise 2008, als die Preise für Nahrungsmittel in einem bisher unbekannten Ausmass explodierten, hat sich der globale Markt für Lebensmittel grundsätzlich verändert. Die Preise sind hoch und werden, so die Prognosen, hoch bleiben. Familien, die bis zu drei Viertel ihres Einkommens für Lebensmittel aufbringen müssen, können sich die hohen Preise schlicht nicht leisten.

Laut Weltbank stieg die Zahl der Hungernden um über 100 Millionen Menschen auf etwa einer Milliarde Hungernder. Mitverantwortlich dafür ist auch die politisch gelenkte, boomende Nachfrage nach Agrotreibstoffen. Denn der forcierte Anbau von Energiepflanzen konkurriert direkt mit der Nahrungsmittelproduktion.

Fördermassnahmen stoppen

In einem Bericht aller relevanten multilateralen Organisationen, darunter auch WTO, Weltbank, FAO und OECD, werden die Regierungen der G20 Staaten daher dazu aufgerufen, ihre Fördermassnahmen für die Produktion und den Konsum von Agrotreibstoffen sofort aufzugeben.

Agrotreibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen wie Zucker, Mais, Soja, Palmöl, Weizen oder Jatropha werden als umweltfreundliche Antwort auf die bedrohlichen Folgen des Klimawandels und die hohen Erdölpreise propagiert. Die Industrieländer, allen voran die EU und die USA, versprechen sich mehr Unabhängigkeit vom Erdöl und einen sinkenden CO2-Ausstoss im Verkehr.

Politik schafft Nachfrage nach Agrotreibstoffen

Durch politische Massnahmen wie obligatorische Beimischungsquoten, Subventionen und Steuerbefreiungen schaffen Industrieländer eine stetig wachsende Nachfrage nach Agrotreibstoffen. Als Lieferanten für billige Rohstoffe sind vor allem die Länder Asiens, Lateinamerikas und Afrikas vorgesehen. Zwischen 2000 und 2007 hat sich die Produktion von Agrotreibstoffen mehr als verdreifacht und deckt 2,2 Prozent des weltweiten Treibstoffverbrauchs. 
 
Doch die Kritik an den Agrotreibstoffen wiegt schwer: Berichte über gewaltsame Vertreibungen von Kleinbauernfamilien und indigenen Gemeinschaften, über die Zerstörung des Regenwaldes, über sklavenähnliche Arbeitsbedingungen und die Vergiftung von Wasser und Boden durch Pestizide sind im Zusammenhang mit der Produktion von Agrotreibstoffen zu vernehmen.

Kostbares Ackerland wird für Treibstoffproduktion genutzt

Mehrere Studien – darunter auch ein Bericht der Eidgenössichen Materialprüfungsanstalt EMPA – kommen zu dem Schluss, dass Treibstoffe auf der Basis von Kulturpflanzen kaum eine Klima und Umwelt schützende Wirkung haben und eine schlechte Energieeffizienz aufweisen.
 
Wenn auch die indirekten Auswirkungen der Agrotreibstoffproduktion berücksichtigt werden, die so genannten indirekten Landnutzungsänderungen, dann weisen Treibstoffe aus Kulturpflanzen sogar mehr CO2 Emissionen auf, als fossile Treibstoffe. 
 
Aus entwicklungspolitischer Perspektive gibt vor allem die Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion Anlass zu grosser Sorge. Angesichts einer Milliarde hungernder Menschen und den dramatischen Prognosen über ein "neues Zeitalter des Hungers" stellt sich die Frage, ob kostbares Ackerland für die Produktion von Treibstoff genutzt werden darf.

200 Kilo Mais für eine Tankfüllung

Der Berner Geographieprofessor Hans Hurni errechnete, dass es die 1,6-fache Ackerfläche des gesamten Planeten bedürfe, um die aktuell verbrauchte fossile Energie durch pflanzliche Rohstoffe zu ersetzen. Und: Für eine 95 Liter Tankfüllung eines Autos mit reinem Ethanol sind rund 200 Kilo Mais nötig – genug, um eine Person ein Jahr lang zu ernähren.
 
Dieser simple Vergleich wirft nicht nur ethische Zweifel auf. Er zeigt, dass Agrotreibstoffe das Recht auf Nahrung gefährden. 

Zuckerrohr aus Sierra Leone für Ethanolproduktion

Ebenso steht die besorgniserregende Entwicklung des "Landgrabbing" in einem engen Zusammenhang mit der Produktion von Agrotreibstoffen. Ein aktuelles Beispiel betrifft auch eine Schweizer Firma: Die Firma Addax Bioenergie hat 50'000 Hektar Land in Sierra Leone gepachtet, um dort - bisher auf 14'000 Hektar - Zuckerrohr für die Ethanolproduktion anzubauen.
 
Allein ein Drittel der in Afrika von ausländischen Firmen oder Regierungen gepachteten Ackerlandes soll laut Schätzungen für die Produktion von Agrotreibstoffen für den Export genutzt werden. Insgesamt betrifft das rund fünf Millionen Hektar Land. 

Hinter der Illusion eines umweltfreundlichen Treibstoffs stehen auch weniger Umweltschützer als die Automobil-, Erdöl- und Agrarindustrie, wie sich an den massiven Investitionen und den Allianzen dieser Industriezweige ablesen lässt. Denn Agrotreibstoffe ermöglichen ihnen ein business as usual und eröffnen vielversprechende neue Märkte.

SWISSAID fordert Moratorium für den Import

Bauern-, Entwicklungs- und Umweltorganisationen aus aller Welt stellen Moratoriumsforderungen für die industrielle Produktion und den internationalen Handel mit Agrotreibstoffen. Sie wehren sich dagegen, dass die armen Länder die Kosten für die bisher vor allem durch die Industrieländer verursachten Klimaprobleme tragen sollen.
 
Auch in der Schweiz forderte eine parlamentarische Initiative von SWISSAID-Präsident und Alt Nationalrat Rudolf Rechsteiner ein Moratorium für die Einfuhr von Agrotreibstoffen. Sie wurde von 104 Nationalrätinnen und Nationalräten unterschrieben.
 
Gemeinsam mit der "Plattform Agrotreibstoffe" lancierte SWISSAID eine Petition gegen Agrotreibstoffe, die zu Hunger und Umweltzerstörung führen. Unser Engagement hat dazu beigetragen, dass ein Gesetzesvorschlag erarbeitetet wurde, der strengere ökologische und soziale Zulassungskriterien für Agrotreibstoffe in der Schweiz vorsieht. Das Parlament wird 2012 über diesen Vorschlag beraten.
 
 
Bilder: UN Foto/Christopher Herwig & SWISSAID