Agrobusiness oder kleine Familienbetriebe?

Agrobusiness oder kleine Familienbetriebe?

Das Jahr 2014 wurde von den Vereinten Nationen zum «Internationalen Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe» erklärt. Damit soll eine häufig unbeachtete Realität bewusst gemacht werden: Es sind die landwirtschaftlichen Kleinbetriebe, die die Weltbevölkerung ernähren. Sie produzieren 70% der Lebensmittel, die global verbraucht werden. Sie sind auch die wichtigsten Arbeitgeber weltweit und Garanten für die enorme Vielfalt der Landwirtschaft unseres Planeten.

Wie kommt es, dass die bäuerlichen Familienbetriebe so missachtet, marginalisiert und kaum unterstützt werden? Kleinbauernbetriebe verschwinden zu Tausenden, was jedes Mal mit menschlichen Tragödien bis hin zu Suiziden verbunden ist. Das zeigt deutlich, dass dieses Internationale Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe der UNO wichtig ist. Für das ganze Jahr 2014 sind in der Schweiz und andernorts Aktionen und Kampagnen geplant, um Politik und Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass die Kleinbetriebe und nicht das Agrobusiness die Welt ernähren.

Früher gab's eine Landwirtschaftspolitik in Afrika

Es gab Zeiten, in denen die afrikanischen Länder ihre Bauern unterstützten. Dann kam die Zeit der Überschuldung und der Bevormundung durch den IWF und die Weltbank. Den Beihilfen für Bauern und Tierhaltern wurde ein Ende gesetzt, Markt und Wettbewerb sollten spielen. Das Resultat: Eine destabilisierte nationale Landwirtschaft mit Bauern, denen jede Unterstützung versagt bleibt und die Opfer des unlauteren Wettbewerbs durch Produkte aus der stark subventionierten Landwirtschaft Europas und Amerikas werden und schliesslich auf der Suche nach Arbeit in den Armenquartieren der Städte landen.

Hungerrevolten

Als 2008 in verschiedenen Ländern Hungerproteste aufflammten, räumte die Weltbank in ihrem Jahresbericht erstmals Fehler ein. Sie sei fehlgegangen mit ihrer Forderung, dass die afrikanischen Länder jegliche Unterstützung ihrer Landwirtschaft stoppen. Unglaublich, wie im Namen einer ultraliberalen Ideologie unermesslicher Schaden angerichtet wurde und niemand dafür Rechenschaft ablegen musste. 

Am stossendsten ist, dass sich kaum etwas verändert hat. Die zahlreichen Appelle, in die afrikanische Landwirtschaft zu investieren, bleiben für diese Millionen von Kleinbauernfamilien, die das Rückgrat der Landwirtschaft bilden, ohne Wirkung. Sie dienen vor allem den Interessen der Nahrungsmittel- und Agrochemiekonzerne, die sich den Markt für Saatgut, Pestizide und Düngemittel teilen. Und sie öffnen dem Agrobusiness in Afrika Tür und Tor.

Die 2012 am G8-Gipfel lancierte Neue Allianz für Ernährungssicherheit verdeutlicht diese Entwicklung auf eindrückliche Weise. Anlässlich ihrer Gründung kündigte die Initiative an, drei Milliarden Dollar, die vor allem von multinationalen Konzernen stammten, in die Landwirtschaft zu investieren. Begünstigt werden zehn afrikanische Länder – Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Ghana, Malawi, Mosambik, Nigeria, Tansania und Senegal – sowie über 100 Unternehmen. 

Schockierender Bericht von Oxfam

Der von der internationalen Nichtregierungsorganisation Oxfam im September 2013 veröffentlichte Bericht «The New Alliance: A new direction needed» zeichnet aber ein erdrückendes Bild. Er zeigt, dass die politischen Reformen, zu denen sich diese Länder verpflichtet haben – Revision der Gesetze für Landrechte, Saatgutpolitik, Beseitigung von Steuerschranken –, vor allem dem Privatsektor und ausländischen Investoren nützen und nicht den Kleinbauernfamilien,  die kaum etwas dazu zu sagen hatten. Und es wird eine industrielle Landwirtschaft gefördert, die familiäre Bauernbetriebe zusätzlich benachteiligt. Oxfam empfiehlt den Mitgliedsländern dieser Neuen Allianz deshalb dringend, die geplanten oder bereits eingeleiteten politischen Reformen zu überdenken. Sie sollen überprüfen, welche Auswirkungen sie auf die Kleinbauern, vor allem für den Zugang zu Land und Saatgut, haben.