Landraub oder das Aussterben der bäuerlichen Familienbetriebe in Afrika

Landraub oder das Aussterben der bäuerlichen Familienbetriebe in Afrika

Stellen Sie sich einen überfüllten Saal mit Vertretern von Bäuerinnen- und Bauernverbänden vor, die bis ans Weltsozialforum von Dakar gereist sind, um ihre immer gleiche Geschichte zu erzählen: eine Geschichte der gewaltsamen Aneignung ihres Grund und Bodens. 

«Wir wurden wie Hunde von unserem Land verjagt. Jetzt haben wir keine Felder mehr und wissen nicht wohin. Man soll sie uns zurückgeben! Das ist alles, was wir kennen und können. Wovon sollen wir sonst leben? Man will uns zum Schweigen bringen, aber ich will reden. Als die Polizisten kamen, um uns zu verjagen, bin ich nicht weggelaufen, weil ich ja nichts verbrochen hatte. Trotzdem schlugen sie auf uns ein», erzählen sie.

Privatisierung des Bodens, aber auch der Artenvielfalt 

Das Szenario ist immer gleich: Lokale Honoratioren, manchmal auch Bauern, die sich durch ein paar Hunderttausend Francs CFA – mehr als sie in ihrem ganzen Leben je gesehen haben – blenden lassen, folgen dem Lockruf privater Unternehmen und ausländischer Staaten, die Land mieten oder kaufen wollen, um darauf Jatropha für die Herstellung von Agrotreibstoffen, Reis oder Linsen anzupflanzen, die dann anderswo, z.B. in China, Indien oder Saudi-Arabien, konsumiert werden. 

«Als die Chinesen kamen, um unsere Bäume mit grossen Maschinen zu fällen, wurde das ganze Dorf aktiv», erzählt der malische Bauer Yaya Diarra. «Wir organisierten eine Wache und dachten, die Chinesen seien wieder nach Hause gegangen. Um 5 Uhr Morgens, als wir ein wenig schliefen, kamen sie jedoch zurück, drangen auf mein Feld vor und verwüsteten alles. Ich begann zu weinen. Dann holte ich meine Machete, denn ich wollte die Chinesen töten. Das ganze Dorf war in Aufruhr. Die Chinesen flüchteten. Der Präfekt gab uns keinerlei Erklärung, sondern sagte nur, wir müssten die Schäden selber reparieren. Die Chinesen haben ihm bestimmt Geld gegeben.» 

Einzug des Agrobusiness 

Für Mamadou Goïta, IRPAD-Verantwortlicher in Mali und Mitglied der Koalition für den Schutz der genetischen Ressourcen Westafrikas (COPAGEN), wird der Grund und Boden mitsamt der Artenvielfalt weggegeben und privatisiert: Für den Alltag nützliche Pflanzen wie Karité und Niébé verschwinden, um dem Agrobusiness Platz zu machen. Und auch die Hirten «finden keine Wege zwischen den Jatropha-Plantagen mehr, um ihre Herden zu weiden».

«Allerdings», erzählt der Verantwortliche einer Bauernvereinigung in Senegal, «haben wir noch nie einen Bauern gesehen, der Jatropha angebaut und dann im Dorf verkauft hat.» Er berichtet, dass nun Bauern zum ersten Mal Reifen angezündet hätten, um gegen die Verschleuderung ihrer Böden und die Schändung ihrer Friedhöfe zu protestieren. Diese werden von landwirtschaftlichen Maschinen zerstört, die die Büsche ausreissen und den Boden umpflügen, um ihn für das Agrobusiness vorzubereiten. 

Vom Land vertrieben - aus dem Land getrieben

Für die am Sozialforum in Dakar anwesenden Verantwortlichen der Bauernvereinigungen trägt der Landraub direkt zum Aussterben der bäuerlichen Familienbetriebe auf dem Kontinent bei. In den meisten afrikanischen Ländern beschäftigen diese jedoch 70-80% der Bevölkerung. Isabella Tianamalala erzählt, wie in Madagaskar die durch multinationale Unternehmen von ihrem Land vertriebenen Menschen zu armen Landarbeitern oder mittellosen Stadtbewohnern werden, die kein Geld mehr haben, um ihre Kinder in die Schule zu schicken. Damit verbunden seien Kriminalität, Prostitution und Tausende junge Menschen, die nur noch ans Auswandern denken. 

«Unsere Staaten müssen uns unterstützen statt den ausländischen Investoren, die uns von unserem Land vertreiben, Tür und Tor zu öffnen», fordert Mariam Sow, Koordinatorin von ENDA Pronat, einer internationalen NGO mit Sitz in Dakar. Ihrer Meinung nach werden alle Anstrengungen zur Schaffung einer Grundlage für eine biologische und umweltverträgliche Landwirtschaft durch den Einzug des Agrobusiness mit dem zunehmenden Einsatz chemischer Düngemittel und Pestiziden, der Anzapfung der knappen Wasservorräte und längerfristig der Verwendung gentechnisch veränderten Saatguts zunichte gemacht.

Bild: Wikimedia