Eine andere Landwirtschaft ist nötig – und möglich: Der Weltagrarbericht IAASTD

Eine andere Landwirtschaft ist nötig – und möglich: Der Weltagrarbericht IAASTD

Der Bericht des Weltlandwirtschaftsrates fordert eine radikale Umkehr der globalen Agrarwirtschaft. Nur so kann die Welternährung langfristig sicher gestellt werden, ohne weiterhin Umwelt und Gesundheit massiven Schaden zuzufügen.

Der im April 2008 verabschiedete Bericht des Weltlandwirtschaftsrates bringt es auf den Punkt: “Business as Usual ist keine Option mehr“.  Der Bericht wurde bisher von rund 60 Staaten unterzeichnet  – darunter auch der Schweiz. Die derzeit praktizierte Landwirtschaft kann die Bedürfnisse der Weltbevölkerung, vor allem die der Ärmsten, nicht decken und nimmt auf ökologische Erfordernisse keine Rücksicht.

Skandalöse Vernachlässigung der bäuerlichen Landwirtschaft

Nur fundamentale Veränderungen werden einen Ausweg aus der Krise ermöglichen. Die industrielle Massenproduktion führe zu einem „immer zerstörteren und geteilteren Planeten“, erklärt Robert Watson, Direktor des Weltlandwirtschaftsrates.

Diese Botschaften sind nicht neu, doch wurden sie von den Verantwortlichen innerhalb nationaler Regierungen und internationaler Organisationen wie der Weltbank bisher geflissentlich überhört. Zivilgesellschaftliche Organisationen aus Nord und Süd kritisieren seit Jahrzehnten die skandalöse Vernachlässigutung der bäuerlichen Landwirtschaft und die ungerechten Handelsbedingungen, die Bäuerinnen und Bauern millionenfach in die Armut trieben.

Vier zentrale Fragen

Die Resultate des „International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development“, kurz IAASTD, können nun nicht mehr einfach beiseite geschoben werden. Der von mehr als 400 Wissenschaftlerinnen und Experten über vier Jahre erarbeitete Bericht ist das Resultat eines bisher einzigartigen Prozesses, der 2002 begann und an dem neben Regierungen auch Bürgerorganisationen und die Wirtschaft beteiligt waren. „Ein gigantisches soziales Experiment der partizipativen Wissenschaft“ nennt Watson die Arbeit an dem Bericht.

Den Beginn der Arbeit markierte die gemeinsame Festlegung von vier zentralen Forschungsfragen: wie können Hunger und Armut am besten reduziert werden? Was braucht es, um die Lebensgrundlagen auf dem Land zu sichern? Wie können Ernährung und Gesundheit verbessert werden und schliesslich, wie kann dies alles auf ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltige und gerechte Art und Weise geschehen?

Gentechnologie bringt keine relevanten Antworten

Die Antworten liefert der Bericht in einer nach Weltregionen aufgeteilten Analyse der aktuellen Situation und indem er die traditionellen, lokalen und wissenschaftlich fundierten Lösungsoptionen aufzeigt. Zudem werden acht relevante Spezialthemen, wie der Klimawandel, die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft, Handelsfragen und die Bedeutung lokalen Wissens detailliert behandelt. Auch den derzeit bommenden Agrotreibstoffen wird ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem die negativen Auswirkungen auf Ernährung und Umwelt im Zentrum stehen.

Relativ kurz abgehandelt wird die Rolle der Gentechnologie in der Landwirtschaft. Das ist hauptsächlich darin begründet, dass diese Technologie auf die vier Grundfragen des Berichts schlicht und einfach keine relevanten Antworten bietet. Im Gegenteil würden zum Beispiel die Patente der Agrarkonzerne auf Gentech-Pflanzen und Tiere die Kosten der Produktion in die Höhe treiben, schreiben die Wissenschaftler.

Weltweite Ernährung kann sichergestellt werden

Der Weltagrarbericht lässt keinen Zweifel, dass sich die Landwirtschaft in einer katastrophalen Situation befindet. Dennoch verkündet er auch eine frohe Botschaft, und die kann nicht laut und oft genug wiederholt werden: die Welt – allen voran ihre Bäuerinnen und Bauern – kennt und verfügt über die notwendigen Mittel, Technologien und das Wissen, um die weltweite Ernährung in Zukunft ökologisch, sozial und kulturell nachhaltig sicherzustellen.

Es müssen jedoch die richtigen Prioritäten gesetzt und entsprechende politische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Und die müsssen auf die Abkehr von einer nur auf Massenproduktion ausgerichteten Landwirtschaft zielen hin zu einer multifunktionalen Landwirtschaft: erst ihre Rückbindung an die kulturellen, sozialen und landschaftlichen Besonderheiten jeder Weltregion gewährleistet das Interesse der Produzenten am langfristigen Erhalt von Wasser, Wald und Boden.

Mehr Nähe zu den Konsumentinnen


Statt mit High-Tech Saatgut, Kunstdünger und Pestiziden technische Standardbausätze für den Einsatz in aller Welt zu liefern, muss die Agrarforschung auf lokaler Ebene ganz unterschiedliche Lösungen mit und für die Bauern und Bäuerinnen finden. Zentral ist dabei eine Rückbesinnung auf natürliche und nachhaltige Produktionsweisen. Dazu zählt der Einsatz von natürlichen, also biologischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie von traditionellem und lokal angepasstem Saatgut. Bei dieser deutlichen Absage an teure Technologiepakete erstaunt es nicht, dass die Agrarkonzerne, darunter auch Syngenta, den Prozess kurz vor der Veröffentlichung der Ergebnisse verlassen haben.

Neben der landwirtschaftlichen Produktion fokussiert der Bericht auch auf die Vermarktung und fordert kürzere Wege zwischen Konsumenten und Produzentinnen. Die derzeit vorherrschende Orientierung auf Exportproduktion sowie eine fortschreitende Liberalisierung im Agrarhandel verdrängt die bäuerliche Landwirtschaft und ist für Entwicklungsländer ein Verlustgeschäft.

Unabhängige wissenschaftliche Bestätigung

Für Entwicklungs-, Umwelt- und Bauernorganisationen in Nord und Süd ist der IAASTD-Bericht von unschätzbarer Bedeutung. Endlich wird von unabhängiger wissenschaftlicher Seite bestätigt, worauf fortschrittliche Entwicklungszusammenarbeit seit langem abzielt. So engagiert sich SWISSAID seit Jahrzehnten für die Stärkung der kleinbäuerlichen Produktion, begleitet Frauengruppen, Bauernorganisationen und indigene Gemeinschaften auf ihrem Weg, sich auch langfristig Lebensperspektiven auf dem Land zu schaffen.

Biologische Landwirtschaft und lokale Vermarktung stehen dabei schon lange im Zentrum unserer Arbeit. Gemeinsam mit Partnerorganisationen im Süden setzt sich SWISSAID gegen die ungewollte Verbreitung der Gentechnologie in der Landwirtschaft ein und weist auf die Gefahren der Agrotreibstoffe hin.
 

Bilder: Wikimedia