Internationaler Bäuerinnen-Dialog: „Nur an den Käse könnte ich mich nie gewöhnen“

Internationaler Bäuerinnen-Dialog: „Nur an den Käse könnte ich mich nie gewöhnen“

Vor genau einem Jahr besuchten acht Bäuerinnen aus Myanmar (Burma), dem Tschad, Kolumbien und Kanada auf einer „Tour de Suisse“ Bauernhöfe in der Schweiz. Beeindruckt waren sie vor allem von der guten Organisation der Schweizer Bäuerinnen. Zurück in ihren Heimatländern, haben sich einige daran an ein Beispiel genommen und sind aktiv geworden.

Lar Mya Mee steht am Eingang zu ihrem Hof und strahlt übers ganze Gesicht. Sie ist sichtlich stolz, ihr Anwesen zu zeigen, auf dem sie mit ihrem Mann und den vier Kindern wohnt: Das Haupthaus mit einem Wohn- und zwei Schlafräumen, das Fundament aus Beton, die Wände aus geflochtenen Bambusmatten, die Küche mit der offenen Feuerstelle, den Gemüsegarten, den Stall für die beiden Schweine. Der Lehmboden zwischen den Häusern ihres Hofes ist so sauber gewischt, als würde sie Staatsbesuch erwarten.

Die 44-jährige Frau lebt in Waingmaw, einem Dorf in der Nähe von Myktyina, der Hauptstadt des Kachin State im Norden Myanmars. Vor einem Jahr verliess sie erstmals in ihrem Leben ihr Land und reiste in die Schweiz. Auf Einladung des Hilfswerks SWISSAID besuchte sie mit sieben anderen Bäuerinnen aus Tschad, Kolumbien und Kanada zwei Wochen lang Bauerhöfe in der ganzen Schweiz - auf der Suche nach Gemeinsamkeiten und gegenseitiger Inspiration. 

Frauengruppe gegründet

Anlass für die „Tour de Suisse“ war das Internationale Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe 2014. Mit der Veranstaltungsreihe, die SWISSAID zusammen mit dem Schweizer Landfrauenverband organisierte, sollte das Augenmerk auf die zentrale Rolle der Bäuerinnen in diesen Betrieben gelenkt werden. Lar Mya Mee entdeckte dabei viele Gemeinsamkeiten zwischen Bäuerinnen aus der Schweiz und aus ihrem Land, wie sie ein Jahr später in der Küche ihres Hofs erzählt: „Neben der Arbeit in Haus, Garten und Hof sind wir Frauen jene, die Kinder aufziehen, die Schwiegereltern pflegen oder auch den Verkauf der Produkte regeln.“

Den grössten Unterschied machte sie bei der Organisation aus. „In der Schweiz arbeiten die Bäuerinnen in Gruppen und Verbänden zusammen,“ sagt Lar, „das macht sie stark“. Nach ihrer Rückkehr hat sie deshalb in ihrem Dorf eine Frauengruppe gegründet und zu diskutieren begonnen, was sie in ihren Anbaumethoden verbessern können. „“Wir haben noch keine konkreten Pläne“, sagt Lar, „möchten aber mehr über biologische Gemüseproduktion lernen“. In der Schweiz habe sie gestaunt, dass „Bio“ viel bessere Preise erziele. In Myanmar sei das noch nicht so, aber man brauche immerhin weniger Dünger und Pestizide und das biologische Essen sei gesünder und vielfältiger.

Die Familie von Lar Mya Mee lebt in erster Linie vom Reisanbau und der Bewirtschaftung des Gemeinschaftswaldes des Dorfes. Vor zwei Jahren erst hat das Dorf mit Hilfe einer von SWISSAID unterstützten Organisation den Rechtstitel zu Nutzung von gut 300 Hektaren Wald erkämpft. So konnten sie den illegalen Holzeinschlag stoppen und laufen auch nicht mehr Gefahr, vertrieben zu werden – keine Selbstverständlichkeit in einem Land wie Myanmar, wo der Rechtsstaat noch gestärkt werden muss. Nun lohnt es sich auch, neben der Holznutzung Fruchtbäume und Kaffee und Ingwerwurzeln im Wald anzubauen.

Zu trocken für Rheintaler Ribelmais

Auch die Besucherinnen aus dem zentralafrikanischen Tschad waren beeindruckt, wie gut sich die Schweizer Bäuerinnen organisieren – und auch über die Unterstützung durch staatliche Subventionen und die Wertschätzung, welche der Landwirtschaft entgegen gebracht wird. Seither setzt sich auch Momini Serrobé aus einem dem Dorf im Südwesten des Tschad dafür ein, dass sich die Frauen enger zusammenschliessen und gemeinsam ihre Anliegen vertreten – gar nicht so einfach in einem von Männern geprägtem Land wie dem Tschad. Doch ihre Erfahrungen in der Schweiz haben ihr gezeigt: „Nur gemeinsam sind wir stark.“

Eher schwierig verliefen für die beiden tschadischen Bäuerinnen auch die nicht ganz ernst gemeinten Experimente mit dem Saatgut, das sie aus der Schweiz mitnahmen. Der Ribelmais aus dem Rheintal und auch das Gemüse- und Blumensaatgut aus der Schweiz gediehen im trockenen Sahelklima natürlich nicht eben gut. „Wir hatten in diesem Jahr viel zu wenig Regen, der Trockenheit konnte der Schweizer Mais nicht widerstehen“, sagt Mominis Kollegin Dorcas Ndigueroim. Dafür hätten sie gute Erfolge erzielt mit dem Mais-Saatgut, das sie von den beiden Bäuerinnen aus Myanmar erhalten hätten.

Martha Pinto, eine Bäuerin aus dem kolumbianischen Anden-Hochland, war begeistert, wie sauber es in der Schweiz war. Und wie hoch der ökonomische und soziale Status der Schweizer Bäuerinnen ist. Das sei in ihrem Land ganz anders, sagt Martha. Seit ihrer Rückkehr habe sie in ihrem Dorf dafür geworben, den Abfall besser zu entsorgen oder wieder zu verwenden. Und auch die ökologische Düngung der Felder, wie sie diese auf dem Biohof in Wegenstetten (AG) gesehen habe, versuche sie weiter zu verbreiten. Die Schweizer Landwirtschaft, so Martha, sei für sie zum Vorbild geworden. Nur mit einem habe sie Mühe – und das sieht sie genau gleich wie Lar Mya Mee aus Myanmar: „An all den Käse könnte ich mich nie gewöhnen.“