Grundstein für eine "andere" Wissenschaft gelegt

Grundstein für eine

Am 4. und 5. Februar 2011, kurz vor Eröffnung des Weltsozialforums, trafen sich fast 300 Vertreterinnen und Vertreter von sozialen Bewegungen, wissen- schaftlichen Einrichtungen und NGOs sowie Akademiker aus der ganzen Welt in der Technischen Hochschule von Dakar und befassten sich unter der Schirmherrschaft des Weltforums "Wissenschaft und Demokratie" mit der Privatisierung des Wissens, der Kommodifizierung des Gemeinguts der Menschheit, der Patentierung des Lebens und dem geistigen Eigentum.

Diese 2007 gestartete Initiative ist die Antwort auf das gegenseitige Misstrauen und das erwiesene Fehlen eines politischen Dialogs zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen und sozialen Bewegungen über die grossen Herausforderungen an unsere Gesellschaften. Das Forum fand erstmals 2009 im brasilianischen Bélem statt.

Wissenschaft ist für den Verlust von Wissen mitverantwortlich

Die Wissenschaft ist für den Verfall oder gar den Verlust von Wissen mitverantwortlich, weil sie altüberliefertes Wissen plündert und zu patentierter Ware umfunktioniert", meint Fabien Piasecki von der Fondation Sciences Citoyennes in Frankreich. Der junge Wissenschaftler weiss, dass seine Generation den Kollaps unseres Planeten verhindern muss, obwohl bereits alle Alarmzeichen auf Rot stehen.

Er bezeichnet sich als Forscher und Aktivist und beteiligt sich an der Erarbeitung streng wissenschaftlicher Argumente, um zu definieren, was für eine Wissenschaft wir brauchen, und um alternative wissenschaftliche Ansätze zum vorherrschenden einheitlichen Modell zu verfolgen.

Schwindel mit gentechnisch verändertem Saatgut

"Alles Wissen ist mit geistigem Eigentum, Kommodifizierung und Privatisierung konfrontiert: materielle, aber auch immaterielle Dinge wie Gedächtnis, Wissen und wissenschaftliche Entdeckungen", empört sich Hervé Le Crosnier, einer der Mitorganisatoren des Forums "Wissenschaft und Demokratie". Er prangert den Schwindel mit dem gentechnisch veränderten Saatgut an, das nicht den geringsten technologischen, sozialen oder ökologischen Fortschritt darstellt.

Mittlerweile beweisen nämlich unzählige Studien, dass dadurch weder höhere Erträge erzielt noch eine Verringerung der chemischen Produktionshilfsmittel bewirkt werden können. Die Verschuldung der Bauern, die ihr Saatgut nicht mehr selber herstellen können, ist hingegen eine Tatsache und hat dramatische Folgen. So haben sich beispielsweise in Indien bereits Tausende Bauern das Leben genommen. Die Mär einer Wissenschaft, welche die Erde "reparieren" wird.

Transantionale Konzerne reissen sich Gemeingut unter den Nagel

Pat Mooney von der ETC Group kritisiert den in dieser Krisenzeit weit verbreiteten Glauben, die Wissenschaft könne alle Probleme lösen. "Don’t worry, be happy", werde den Leuten gesagt. "Machen Sie sich keine Sorgen wegen des Klimawandels. Wir können ihn bewältigen. Die Biotechnologien werden den Planeten aus der Krise führen." Gleichzeitig prangert er auf beeindruckende Weise an, wie sich die grossen transnationalen Konzerne das Gemeingut der Menschheit – Saatgut, Biomasse, Leben, Plankton und Sonne – unter den Nagel reissen.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Geneviève Azam von der Universität Toulouse pflichtet ihm bei und spricht von einem Schwindel, weil behauptet werde, die Wissenschaft könne dank Geo-Engineering alle Probleme lösen. "Als ob die Natur eine kaputte Maschine wäre und wir Techniken finden würden, um sie zu reparieren", sagt sie.

Grossfirmen lassen Forschung durch die Öffentlichkeit finanzieren

Zum Beweis führt sie das Beispiel der Forschung zur Entwicklung kleiner Maschinen (Klone) an, mit denen die Felder bestäubt werden sollen, weil die Bienen aussterben. "Die Wissenschaft scheint über nichts mehr Rechenschaft abzulegen. Auch die 'grüne Wirtschaft' ist keine Lösung, wenn die Grundlagen des Wachstums nicht in Frage gestellt werden", meint sie.

Der Zugang zu kostenloser Software, die Schwierigkeiten der afrikanischen Forscher, die Definition des Gemeinguts der Menschheit, die Privatisierung der Wissenschaft, die Forscher und die Universitäten, die zu Studieneinrichtungen für Grossfirmen geworden sind, welche die Forschung durch die Öffentlichkeit finanzieren lassen und die Ergebnisse durch Patentierung in die eigene Tasche stecken: All dies gab Anlass zu leidenschaftlichen Diskussionen im Rahmen des Forums «Wissenschaft und Demokratie», das nun einen festen Platz innerhalb des Weltsozialforums hat.