FAO-Gipfel: Historische Chance verpasst

FAO-Gipfel: Historische Chance verpasst

Nach drei langen Verhandlungstagen ging am 5. Juni 2008 in Rom die FAO-Konferenz zu Welternährungskrise, Klimawandel und Bioenergie zu Ende. 3500 Regierungs-beamte, 40 Regierungschefs, 80 Minister und zahlreiche Abgeordnete und Industrievertreter debattierten an diesem Krisengipfel über die Preisexplosion auf den Agrarmärkten und den Hunger in der Welt.

Die historische Chance, einen dringend notwendigen Paradigmenwechsel in der Landwirtschafts- und Handelspolitik einzuleiten, wurde jedoch verpasst. Die bis zum Schluss umstrittene Abschlusserklärung bleibt weit hinter den Erfordernissen zurück und bietet keine neuen Strategien, um Hunger und Klimawandel Einhalt zu bieten.

Kleinbauern haben zentrale Bedeutung für Welternährung

Die prominenten Gäste trafen sich – weiträumig abgeschirmt – im Zentrum Roms. Darunter hatten nicht nur die Römer auf ihrem Weg zur Arbeit zu leiden. Auch der Mehrzahl der 150 Vertreter und Vertreterinnen von Kleinbauern-, Fischer- und Indigenenorganisationen aus der Dritten Welt wurde der Zutritt zum Konferenzgebäude verwehrt. Dabei produzieren diese weltweit den Grossteil der Nahrungsmittel und sind gleichzeitig am meisten von Armut und Hunger betroffen.

Die hohen Herren und Damen des Gipfels betonten zwar die zentrale Bedeutung der Kleinbauern für die Welternährung und versprachen Unterstützung. Die Akteure selber liessen sie jedoch vor der Tür, um sich ihren eigentlichen Interessen zuzuwenden und die immer gleichen Rezepte aufzuwärmen: just jene Rezepte, die direkt in die aktuelle Nahrungsmittel-, Klima- und Energiekrise geführt haben.

Katastrophale Auswirkung der Marktliberalisierung

So hatte die Liberalisierung der Agrarmärkte vor allem in Entwicklungsländern in den letzten Jahren katastrophale Auswirkungen für die landwirtschaftliche Produktion und damit für die Ernährungssicherheit der Bevölkerung. Trotzdem wurde der Gipfel von einigen Regierungen missbraucht, um noch mehr Handelsliberalisierungen durchzusetzen, sogar über das Programm der Doha-Runde hinaus.

Ghana oder Haiti sind tragische Beispiele dafür, wie die Öffnung der Märkte in den 90er Jahren die eigene Reisproduktion zunichte und die Länder von Importen abhängig gemacht hat. Importe, die sich die Bevölkerung dieser Länder nun nicht mehr leisten kann.

Markt für Agrotreibstoffe geschaffen

Auch im Bereich der Agrotreibstoffe, die zu 30 Prozent für die gestiegenen Nahrungsmittelpreise verantwortlich sind, wurde die Notbremse nicht gezogen. Dabei könnten bei einem sofortigen Anbaustopp die Lebensmittelpreise um 20 Prozent gesenkt werden.

Die Industrieländer hatten durch Subventionen und Steuersenkungen erst einen Markt für Treibstoffe aus Mais, Soja, Zuckerrohr und Palmfrüchten geschaffen. Doch weder sie noch die grossen Exporteure wie Brasilien waren bereit, ihre wirtschaftlichen Interessen dem Recht auf Nahrung unterzuordnen.

Eigentliche Gewinner sind die Agrarkonzerne

Am Ende wurden zwar neben der dürftigen Abschlusserklärung auch beträchtliche Summen versprochen, um den am stärksten betroffenen Ländern zu helfen. Diese Gelder werden jedoch nur kurzfristig einige Teller füllen. Die eigentlichen Gewinner des Gipfels sind die Agrarkonzerne, die ihr industrielles Landwirtschaftsmodell global durchsetzen wollen und denen sich neue Märkte für Dünger, Pestizide und High-Tech-Saatgut in den bisher wenig erschlossenen Entwicklungsländern öffnen.

In den letzten drei Monaten – auf dem Höhepunkt der Nahrungsmittelkrise – haben sie Rekordgewinne erwirtschaftet. Der Düngerhersteller Mosaic erzielte einen Zuwachs von 1'134 Prozent, Monsantos Gewinne stiegen um 86 Prozent, die des weltgrössten Getreidekonzerns Cargill um 103 Prozent. Doch davon wollte an der FAO-Konferenz niemand etwas hören.

Bild: Wikimeda