Einmischung dringend: Bäuerinnen in der Schweizer Agrarpolitik 2014 − 17

Einmischung dringend: Bäuerinnen in der Schweizer Agrarpolitik 2014 − 17

Die Schweizer Agrarpolitik hat den Bäuerinnen bisher nur wenig zu bieten. Und: auch die Arbeits- und Lebensbedingungen von Bäuerinnen in Entwicklungsländern müssen berücksichtigt werden. So das Fazit eines Podiums zur Landwirtschaftspolitik aus Frauensicht mit SWISSAID-Beteiligung.

Die Landwirtschaft in der Schweiz ist von Männern bestimmt. Die das sagt, weiss, wovon sie spricht. Ruth Streit, seit neun Jahren Präsidentin des Schweizer Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes, ist im Vorstand des Schweizer Bauernverbandes die einzige Frau unter 17 Männern.

An der von WIDE und der Koordination Postbeijing organisierten Tagung vom 24. März 2011 diskutierte sie mit der Biobäuerin und Nationalrätin Maya Graf und Tina Goethe von SWISSAID über die neue Agrarpolitik der Schweiz. Fazit: den Bäuerinnen hat diese Agrarpolitik bisher nur wenig zu bieten. Und: auch die Arbeits- und Lebensbedingungen von Bäuerinnen in Entwicklungsländern müssen berücksichtigt werden.  

Arbeiten Bäuerinnen überhaupt?

Die so genannte AP 2014-2017 war just zwei Tage vor der Tagung in Vernehmlassung geschickt worden. Auf den 310 Seiten des erläuternden Berichts ist der Situation der Frauen genau eine Seite gewidmet. Dort werden die Bäuerinnen der Sozialpolitik zugeordnet, deren Belange nicht ins Landwirtschaftsgesetz gehören. Fakten über Bäuerinnen als Wirtschaftsakteure sucht man in dem Bericht vergebens.

Die Teilnehmerinnen des Podiums hatte Schätzungen parat, exakte Statistiken gibt es dazu bisher keine: 2,5 Prozent der Betriebe in der Schweiz werden von Frauen geführt und lediglich drei Prozent des Landes ist in Frauenbesitz. Zum Vergleich: in Entwicklungsländern besitzen rund 1 Prozent der Bäuerinnen ihr Land selber. Weltweit sind es 2 Prozent.

Arbeit wird durch den männlichen Alltag definiert

Das hat sehr konkrete Folgen, wirtschaftlich, sozial, psychologisch. Frauen arbeiten zwar auf Hof und Betrieb, die Entscheidungen und vor allem das Geld liegen aber bei den Männern. Und was in der Landwirtschaft als Arbeit anerkannt – und damit bei Schweizer Direktzahlungen berücksichtigt wird (!) – ist durch den männlichen Arbeitsalltag  definiert.

Tätigkeiten wie Direktvermarktung oder Gemüseanbau im Garten – oft von Frauen geleistete Arbeiten – fallen aus dieser Definition heraus und werden nicht als Arbeit berechnet. Konkret betrifft das die Berechnung der so genannten Standardarbeitskraft (SAK), durch die der Anspruch auf Direktzahlungen abgeleitet wird.  

Schweizer Landwirtschaft mit Ländern des Südens verknüpft

In Entwicklungsländern leisten Frauen 43 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeiten. In einigen Ländern Afrikas sind es gar bis zu 60 bis 80 Prozent. In Bezug auf Besitz und Entscheidungsspielraum sieht es für sie jedoch sehr ähnlich aus wie in der Schweiz. Als angestellte Arbeitskräfte in der Produktion von Gemüse oder tropischen Früchten erhalten Frauen weniger Lohn als Männer und meist nur Teilzeit- oder Saisonverträge. 

Arbeitsrechte, Auflagen für den Umweltschutz und den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen sind tief, was es den Produktions- und Handelsfirmen erlaubt, die Preise niedrig zu halten und auch in der Schweiz billige Lebensmittel anzubieten. Hier zeigt sich, wie eng die Landwirtschaft in der Schweiz mit der Situation in Entwicklungsländern verknüpft ist.

Soziale Kriterien für Import-Produkte gefordert

Ein weiteres Beispiel sind die Sojaimporte aus Südamerika für die hiesige Fleischproduktion. Jüngst haben fünf Standesinitiativen der Kantone aus der Romandie soziale und ökologische Kriterien für die Einfuhr von Lebensmitteln verlangt. Und obwohl im Nationalrat erfolgreich, haben die Initiativen wohl kaum Chancen, sich gegen WTO-Vorschriften durchzusetzen.

Die neue Agrarpolitik will denn auch lieber die Verantwortung für Umwelt und Menschrechtsanliegen an die Konsumentinnen delegieren. Nachhaltiger Konsum soll gefördert werden. Doch die Information der Konsumentinnen über die Produktionsbedingen stösst irgendwann an Grenzen. Eigenverantwortung ist wichtig, kann jedoch politische Regelungen nicht ersetzen.  

Wettberwerbsfähigkeit versus Tierschutz

Die Agrarpolitik verlangt von den Schweizer Bäuerinnen und Bauern Wettbewerbsfähigkeit. Doch mit wem und worin genau soll dieser Wettbewerb stattfinden? Wie soll das vereinbar sein mit den Auflagen im Bereich Umwelt- und Tierschutz? Und ist die Versorgung mit nachhaltig produzierten Lebensmitteln tatsächlich mit Marktmechanismen und Unternehmertum, wie sie die Agrarpolitik verlangt, zu erreichen?

Maya Graf, die die Stossrichtung der neuen Agrarpolitik begrüsst, warnt davor, Ökologie und Produktion gegeneinander auszuspielen. Ruth Streit fragt sich jedoch, ob die verschiedenen Zielsetzungen in der Agrarpolitik überhaupt miteinander vereinbar seien. Hier wolle das Bundesamt wohl eher "den Fünfer und das Weggli".  

Lokale Märkte stärken und weltweit helfen

Die Bäuerinnen verstehen sich als Lebensmittelproduzentinnen für die Schweizer Bevölkerung. Das muss klar im Mittelpunkt stehen. Weder soll die Schweiz Produkte einführen, die auf Kosten der Arbeiterinnen und der Umwelt in Entwicklungsländern gehen. Noch sollen Exporte aus der Schweiz die Märkte für die lokalen Produzentinnen kaputt machen. Wenn es also gelänge, die Produktion wieder stärker auf den lokalen und regionalen Markt zu orientieren, wäre damit eigentlich allen Bäuerinnen – weltweit – gedient.

Das Podium und die Teilnehmerinnen der Tagung – rund die Hälfte übrigens Bäuerinnen – waren sich einig: Wären an der Ausgestaltung der Agrarpolitik 2014-17 mehr Frauen beteiligt gewesen, würde sie anders aussehen.